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Sinnesorgane aus der Sicht von Vedanta

„Ohren, Haut, Augen, Nase und Zunge sind die Sinnesorgane, weil sie Sinnesobjekte wahrnehmen. Die Stimme, Hände und Füße, Anus und Genitalien sind Tatorgane, weil sie für die Tätigkeiten gebraucht werden.“
Also, wie heißen die Sinnesorgane auf gut Sanskrit? Jnana Indriyas oder kurz Jnanendriyas. Jnana Indriyas, Organe des Wissens, der Erkenntnis, aber jetzt hier der relativen Erkenntnis und Jnana Indriyas, sagen die Meister so ein bisschen, damit die westlichen Aspiranten und auch indische Aspiranten, die Sanskrit nicht so gut kennen, das schneller wissen können. Eigentlich wird das zusammengeschrieben und dann wird aus „a“ und „i“ wird „e“ und deshalb Jnanendriyas und Karmendriyas. Aber um es zu vereinfachen wird meistens jetzt in den Büchern gesagt, Karma Indriyas und Jnana Indriyas. Und diese Sinne, die prägen, wie wir die Welt wahrnehmen. Das ist auch noch mal wichtig, gerade wenn wir auch überlegen, „Was ist wirklich, was ist unwirklich?“, wo Sankaracharya später nochmals darauf eingeht. Erst geht er hier auf AnAtmaAtmaViveka ein, die Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst. Aber so, wie wir die Welt wahrnehmen, so ist sie ja nicht. Selbst vom physikalischen Standpunkt aus ist alles Schwingung und ein bestimmtes Spektrum vom Schwingung können wir sehen als Farben. Ein bestimmtes Spektrum von Schwingungen der Luft hören wir als Klänge. Bestimmte Partikel in der Luft – nicht alle Partikel, bestimmte Partikel – nehmen wir als Geruch wahr. Jetzt der Geschmack ist noch eine ganz lustige Geschichte. Geschmack ist so eine Verbindung, wird auf der Zunge wahrgenommen. Aber auf der Zunge werden nur wie viele Geschmäcker wahrgenommen? Man kann süß, salzig, sauer, bitter und, das hat man jetzt in letzter Zeit entdeckt, scharf wahrnehmen. In der Schule haben wir nur vier gelernt, aber man hat festgestellt, die deutschen Biologen haben ja nichts Scharfes gehabt früher, deshalb wusste man auch nicht, es gibt noch einen Sinn für Scharfes, aber das sind die fünf Geschmäcker, die die Zunge wahrnehmen kann. Und dann der Rest, was z.B. eine Kartoffel von einem Kohlrabi unterscheidet, ist nicht diese, sondern das riechen wir. Und dann zusätzlich noch die Textur hat auch noch Einfluss. Und dann aus diesem, was die Zunge gibt an Wahrnehmungen von diesen fünf plus die Textur, was dann Zunge und Gaumen und Wangen geben plus der Geruchssinn, das zusammen verschmilzt dann im Hirn als Geschmack. Schon eine komische Geschichte. Oder genauso auch Fühlen. Wir können heiß und kalt fühlen, wir können natürlich Berührung empfinden und wir können Schmerzen empfinden. Ich glaube, das sind im Wesentlichen die Empfindungen des Fühlsinns, der über die ganze Haut verteilt ist. Und so nehmen wir die Welt wahr in diesen fünf, man kann sagen, Dimensionen. Was anderes nehmen wir nicht wahr. Man kann zwar dann äußere Instrumente dort nehmen und mit denen können wir dann auch Dinge wahrnehmen, die außerhalb von unserem Spektrum liegen. Also, man kann Schwingungen, die wir nicht sehen können, können wir dann auf einem Computerbildschirm sichtbar machen oder man kann diese in Zahlen ausdrücken und dann irgendwo erfahrbar machen. Aber letztlich, diese Sinnesorgane, die sind das, was uns die Welt erfahren lässt. Wir können die Sinnesorgane verbessern, z.B. mit einer Brille. Man kann sie ausdehnen, z.B. mit einem Telefonhörer. Man kann sie täuschen, mit verschiedensten optischen Täuschungen und sie werden ja auch immer wieder getäuscht und die Sinne sind ja auch nicht zuverlässig, aber so nehmen wir die Welt wahr. Das kann uns auch wieder helfen, uns davon zu lösen. Unsere Sinnesorgane sind letztlich wie, angenommen, wir hätten ein Raumschiff, mit dem wir durch die Welt fliegen und dann gibt es irgendwo so ein paar Gucklöcher und da kann man die Welt irgendwie wahrnehmen und ein paar Instrumente und damit sieht man, was da draußen vorgeht. So sind wir hier mit unserem Weltraumschiff und nehmen so ein bisschen was wahr. Das ist das eine, das Wahrnehmen.

Das Physische Universum existiert im Wachbewusstsein

„Der Zustand, in dem die grobstofflichen Dinge erlebt werden, ist das Wachbewusstsein der Seele.“ (Sankaracharya im Kronjuwel der Unterscheidung, Viveka Chudamani). Also, im Wachbewusstsein können wir diesen Körper hier erfahren. Wenn wir träumen, dann erfahren wir nicht diesen Körper. Da wird er noch darauf eingehen.
„Die einzelne Seele genießt durch diesen Körper mit den äußeren Sinnesorganen grobstoffliche Objekte in vielerlei Gestalt, wie Blumenkränze, Sandelholz, Frauen, Männer, deshalb wird dieser Körper im Wachzustand verherrlicht.“ Gut, vielleicht mag das jetzt für euch, Blumenkränze und Sandelholz, Parfüm, nicht unbedingt das sein, was euch in besonderem Maße genießen lässt, aber ich glaube, ihr könntet dort andere Dinge ergänzen.
„Wisse, dass dieser grobstoffliche Körper, von dem der Umgang mit der ganzen Außenwelt abhängt, für den Menschen wie das Haus für den Hausherrn ist.“ Also, hier mäßigt er die Ausdrucksweise etwas, denn Haus ist auch etwas Gutes, wir wohnen in diesem Haus. Man kann auch sagen, es ist wie ein Schneckenhaus. Schnecken haben auch ein Haus, das sie herumtragen und das sie irgendwie brauchen.

Überwinde den Tod – durch Erfahrung Gottes

Wir wollen jetzt einen Sprung machen in der Viveka Chudamaini zum 85. Vers.Sankaracharya schreibt::
„Für den Befreiungssuchenden sind die Illusion, der Körper zu sein und ähnliche Irrtümer, der große Tod. Wer diese Selbsttäuschung überwunden hat, ist reif für den Zustand höchster Glückseligkeit. Besiege den großen Tod in Gestalt der Vernarrtheit in Körper, Frau, Kinder, Freunde, Verwandte. Die Weisen, welche diese Vernarrtheit überwunden haben, erreichen das höchste Bewusstsein Gottes.“
Also, er wird jetzt noch etwas massiver. Sankaracharya will uns hier Vairagya geben, Viveka geben, denn der typische Mensch neigt zu Verhaftung. Und natürlich, das lehrt ja die Bhagavad Gita, ist es wichtig, seine Pflichten zu erfüllen, es ist wichtig, das zu tun, was zu tun ist. Patanjali sagt, „Ja, es ist auch o.k., die Dinge zu genießen und Erfahrung gehört zu diesem Universum dazu und wir sind ja noch nicht mal unsere Verhaftungen.“, aber Sankaracharya will uns hier, wie er sagt, aus der Vernarrtheit herausbringen. Liebe ist eine Sache, Vernarrtheit ist eine andere. Liebe zu seinen Mitmenschen ist etwas Wichtiges und natürlich die Liebe ist je nach Beziehung auch wieder anders. Die Liebe zu den Kindern wird anders sein, als die Liebe zu dem Ehemann, Ehefrau, als zu den Eltern und die Liebe wird anders sein, die man hat zu seinen Yogaschülern und zu seinem Arbeitgeber usw. Aber Verhaftung ist das, was einen in den Tod bringt. Es führt zur Beschränkung unserer Bewusstheit und führt dann dazu, dass man zu allen möglichen Leiden kommt. Also, er erwähnt hier jetzt die besonders großen Vernarrtheiten, die mit dem Körper in Verbindung stehen, eben Partner, Partnerin, Ehefrau, Ehemann, Kinder – Kinder vielleicht noch mal ganz besonders schwierig, denn das sind natürlich dann „meine Kinder“. Und wehe der Vater kriegt irgendwann raus, „Es sind doch nicht meine Kinder.“ Was hat sich geändert in dem Moment? Eigentlich nichts und dennoch alles. Wenn man von Reinkarnation ausgeht und ihr erinnert euch, dieses eine Gedicht von Sankara, das ich schon erwähnt hatte, „Wieder wirst du geboren, wieder wirst du sterben, jeder Mensch, den du siehst, war schon mal deine Mutter, jeder Mensch, den du siehst, war schon mal dein Vater, jeden, den du siehst, war schon mal dein Kind, jeder war schon mal dein Bruder, jeder war schon mal deine Schwester, genug, genug. Wann hast du genug?“ Wir haben natürlich eher eine Neigung, nur diese Inkarnation zu sehen. Und natürlich, in dieser Inkarnation hat man eine besondere Verantwortung für die Kinder, die man in die Welt setzt und für Verwandte usw. Aber eine Verantwortung ist eine Sache, eine besondere Liebe gehört dazu, aber Vernarrtheit und Verhaftung ist eine andere Sache. Dort gilt es, darüber hinauszuwachsen.

Verhaftungen führen zum Leiden

„Sinnesobjekte sind in ihrer Wirkung noch verheerender als das Gift einer schwarzen Kobra. Gift tötet den, der es einnimmt, wogegen die Sinnesobjekte sogar den töten, der mit den Augen schaut.“ (Sankara im Viveka Chudamani)
Er gebraucht jetzt natürlich eine recht krasse Sprache. Sankara stammt aus Südindien, ich glaube sogar Kerala, und neigt deshalb zu einer etwas blumigen und manchmal etwas übertreibenden Sprache, denn man sollte sich jetzt nicht an diesen massiven Worten aufhängen, sondern er will uns ja damit mit Unterscheidungskraft ausstatten. Und eben auch erkennen, wenn wir an den Sinnen hängen und wenn wir ohne Unterscheidungskraft einfach folgen, was sie uns sagen, dann führen sie uns ins Verderben. Und ich glaube, die meisten können tatsächlich daran denken, wann sie in solche Verderben gekommen sind. Natürlich auch einfach das Hängen an sich, denn die Sinne bleiben ja nicht so. Wir sind vielleicht in der glücklichen Lage, dass wir heute Sinne kompensieren können. Also z.B. als 10-jähriger konnte ich gut sehen und irgendwann zwischen 15 und 17 ist mein Sehsinn schlecht geworden, also brauche ich eine Brille. Angenommen, ich hätte keine Brille, dann könnte ich herzlich wenig von euren Gesichtsausdrücken sehen. Also habe ich eine Brille und kann es kompensieren. Inzwischen muss ich die Brille abnehmen, wenn ich lesen will. Gestern hat Narayani gesagt, ich sollte mich damit abfinden, dass es so ist und sollte das lernen, das jetzt mit Würde zu machen. Das habe ich gestern im Restaurant ein bisschen geübt. Oder angenommen, man hört nicht mehr gut, dann kann man sich Hörgeräte anschaffen. Aber irgendwann riecht man nicht mehr gut. Das ist übrigens sehr viel verbreiteter, als Menschen wissen. Wenn man nicht mehr gut riecht, dann schmeckt auch das Essen nicht mehr gut. Man nimmt an, dass das einer der Gründe ist, weshalb ganz alte Menschen weniger essen. Das Essen schmeckt ihnen einfach nicht mehr, weil sie nicht mehr richtig riechen. Also, irgendwo ab 80 nehmen Menschen ab und irgendwo, ich glaube, fast die Hälfte der Männer und ein Viertel der Frauen über 80 riecht kaum mehr etwas und damit schmeckt auch das Essen nicht mehr so. Also, verschiedene Sinne nehmen ab, können verschwinden. Wir können sie heute – mindestens einige davon – kompensieren, andere nicht. Wenn wir daran hängen, sind wir in Probleme.

Vedanta Analyse des Körpers

„Der grobstoffliche Körper besteht aus sieben Substanzen, nämlich Mark, Knochen, Fett, Fleisch, Blut, Unterhaut und Oberhaut.“ (Sankara im Viveka Chudamani)
Das sind die so genannten sieben Dhatus. Und diejenigen von euch, die Ayurveda etwas tiefer kennen, die kennen die Sanskrit-Ausdrücke, nehme ich an und das hat auch einen bestimmten Einfluss. Manche Krankheiten befinden sich  in einem Körpergewebe, die anderen in anderen und die anderen in noch einem anderen und die werden auch zum Teil anderes übersetzt, als ihr es hier findet. Jetzt, wenn man hört, Mark, Knochen, Fett, Fleisch, Blut, Unterhaut und Oberhaut, jetzt für die medizinisch gebildeten ist es ein bisschen knapp und vielleicht auch ein bisschen naiv, könnte man sagen. Also, hängt euch nicht daran auf. Aber man kann durchaus auch sagen, es gibt zum einen die Knochen, die kann man spüren und das ist eben auch das, was man irgendwo merkt, da ist halt ein Knochen. Ihr könnt alle mal an irgendeinen Knochen fassen. Manche können an allen Stellen an Knochen fassen und manche vielleicht nur an manchen Stellen. Gut, und dann gibt es da irgendwo Mark, das können wir jetzt nicht erfassen, da können wir nicht hinfassen. Aber man sagt manchmal, es geht durch Mark und Bein, also irgendwo ist da noch Mark und damit haben wir schon einen großen Teil der Kilogramms unseres Körpers. Dann gibt es Fett. Da könnt ihr auch mal hin greifen, wo dort irgendwo Fett ist. Manche können egal wo hin greifen und sie finden Fett und manche finden nirgendwo Fett, aber jeder hat irgendwo Fett. Es ist auch wieder ein Unterschied, ob wir sagen, „Oh, ich bin so dick.“ oder sagen, „Eine der sieben Dhatus ist bei mir in außergewöhnlichem Maße vorhanden.“ Ist ein Unterschied, oder? „Ich muss unbedingt abnehmen.“ oder man kann sagen, „Ich will probieren, eines der sieben Dhatus etwas zu reduzieren, dass die anderen etwas stärker wirksam werden.“, Fett. Dann Fleisch, ist natürlich hier gemeint, Muskelmasse. Haben wir auch. Irgendwo ist dort Muskelmasse und da ist auch wieder ein Unterschied, zu sagen, „Oh, mir tut der Rücken so weh.“, als wenn wir sagen, „Die Muskelmasse im Rücken ist vielleicht etwas verkrampft und verspannt und damit zusammenhängende Gewebe vielleicht auch.“ Gut, Blut haben wir auch und da kann man auch wieder sagen, „Oh, ich habe Bluthochdruck und alles nervt mich.“ oder man kann sagen, irgendwo mit Blut hängen natürlich auch die Gefäße zusammen und alles, „Die Arterienwände sind irgendwo etwas entweder verkrampft oder zu und da fließt jetzt das Blut durch, das gibt Bluthochdruck.“, wird man gucken, ob man da was machen kann. Unterhaut und Oberhaut. Oberhaut, die sehen wir. Auch ein Unterschied, ob wir sagen, „Ich bin nicht schön genug.“ oder „Meine Haut hat Falten.“ oder „Ich bin so ausgetrocknet.“ und gerade Menschen beschäftigen sich ja sehr stark mit ihrer Oberhaut. Ist es ein Millimeter? Wenn überhaupt so viel. Und manche beschäftigen sich dort jeden Morgen eine Stunde mit ihrer Oberhaut und den aus der Oberhaut herauskommenden Haaren, die man noch auf die verschiedensten Weisen färbt oder behandelt oder was auch immer man damit anstellt. Und dann gibt es eben noch eine Unterhaut, die eben darunter ist. Also, auch das kann einem manchmal helfen, das einfach zu sehen. Man kann natürlich auch sagen, „Der Körper ist ein großes Wunder und es ist unglaublich, wie er funktioniert.“, aber eben, „Ich bin das nicht.“ „Er hat Glieder und Teile, wie Füße, Beine, Brust, Arme, Rücken und Kopf.“ Muss ich jetzt gerade daran denken, als ich den so genannten ETTC genommen habe, also die Yogalehrerweiterbildung mit Swami Vishnu-devananda. Er hat dort normalerweise praktisch alles gegeben von morgens bis abends, außer der Yogastunde und einmal hat er so einen Physiologievortrag nicht gegeben und da hat er irgendeine beauftragt, sie soll irgendwas uns dort vorlesen. Und das war dann irgendein Anatomiebuch, ich glaube, für Kinder muss es gewesen sein. Und dann wurde irgendwo gesagt, „Der unterste Teil des Körpers nennt sich die Beine. Ganz unten an den Beinen sind die Füße. Die Füße haben zehn Zehen. Oberhalb der Füße sind die Unterschenkel. Zwischen Unterschenkel und Füßen, die Verbindung wird als Fußgelenke bezeichnet. Oberhalb der Unterschenkel sind die Oberschenkel. Die Verbindung zwischen Unter- und Oberschenkel wird als Knie bezeichnet.“ Am Anfang haben wir nur dumm geguckt. Irgendwann fingen wir an, uns zu kringeln vor Lachen und sie hat das dann auch mit der Stimme dann so gesagt. „Am Rumpf befestigt sind die Arme. Der Mensch hat typischerweise zwei Arme. Die Verbindung zwischen Armen und Rumpf wird Schultern genannt.“ So irgendwo eine Stunde ging es so weiter. Das war die lustigste Anatomiestunde meines Lebens. Und die, die das gemacht hat, das war eigentlich eine kluge Frau. Nachher bin ich irgendwo in so eine Art mystischen Zustand gekommen, der vollkommenen Unidentifikation mit dem Körper. Dann wurde es erst irgendwo klar, das ist der Körper, so banal ist er eigentlich und was identifiziert man sich mit diesem wunderbaren Instrument. Bahir Karana, äußeres Instrument.
„Dieser Körper, gekennzeichnet durch das Bewusstsein von „ich“ und „mein„, die Stätte der Verwirrung, wird von den Weisen grobstofflich genannt. Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde bilden die feinstofflichen Elemente.“
Also, dieser Körper. Und dieser Körper, eben das Nicht-Selbst, wird gekennzeichnet durch das Bewusstsein von „ich“ und „mein„. Also, manche Menschen sagen, „Ich bin dieser Körper.“ Z.B., „Ich gehe von hier nach dort.“ oder „Ich sitze hier auf der Bühne.“ Wer sitzt hier auf der Bühne? Nicht ich, sondern der Körper hockt dort auf der Bühne. Ich hocke nicht auf der Bühne, ich bin überall, allgegenwärtig, allmächtig, allwissend, eins, jeder von euch. Auch ihr hockt nicht dort unten und hört zu, sondern ihr seid das allumfassende Bewusstsein. Wer hockt dort? Der Körper. Ein Körper hockt hier und spricht und andere Körper hocken da unten und hören zu.
Dann ist alles eine Halluzination und unsere Wunschvorstellung, das nennt sich Maya. Du hast keine Seele gesehen ohne Körper, ist richtig. Gesehen. Empfunden, das ist eine Frage. Du kannst so ähnlich sagen, „Ich habe keine Bakterie gesehen, ohne Mikroskop.“ Bin ich deshalb das Mikroskop? Als Kind habe ich ein Mikroskop gehabt und das haben mir irgendwann meine Eltern geschenkt, sie wollten so ein bisschen, dass wir uns wissenschaftlich interessieren und dann haben wir – Bakterien vermutlich nicht – aber so Kleinstteile gesehen, ist jetzt schon lange her, könnten sogar Bakterien gewesen sein. Jetzt die Frage. Ich habe noch nie eine Bakterie gesehen, ohne Mikroskop. Frage. Bin ich das Mikroskop? Eine nächste Sache. Ich habe noch nie mit einem Bekannten in Amerika Bekanntschaft aufgenommen, ohne Computer, in den letzten zehn Jahren. Bin ich jetzt der Computer? Oder ich bin ja aktiv in allen möglichen Internetcommunities, wie der ein oder andere von euch mitgekriegt hat. Da gibt es z.B. einen, der nennt sich Amit und den treffe ich manchmal auf Facebook, manchmal auf my.yoga-vidya, manchmal auf ein paar anderen Communities, auf Guru, ist eine andere Communitiy. Also, da treffe ich den ab und zu mal. Und wir unterhalten uns und er hat mir schon einiges erzählt über sich. Ich habe aber noch nie mit ihm Kontakt aufgenommen über ein anderes Medium als über den Computer. Frage, bin ich der Computer? Bin ich das Internet? Nein, natürlich nicht. Auch wenn ich einen Computer brauche, um mit anderen Leuten Kontakt aufzunehmen, bin ich deshalb noch lange nicht mein Computer. Und auch, wenn ich das Internet brauche, bin ich noch lange nicht das Internet. Und auch, wenn ich sage, „Das ist mein Computer.“, ist es noch lange nicht mein Computer. Körper ist ein Instrument, er wird deshalb auch das Instrument genannt. Also, Körper ist das grobstoffliche Instrument, Bahir Karana auch genannt oder auch Sthula Sharira, dieser Körper. Aber wir sagen, „Ich, ich bin dieser Körper.“ Die radikalste Erkenntnis, „Ich bin nicht dieser Körper.“, entspringt, wenn man mal eine so genannte OOB-Erahrung hatte, Out-of-Body-Experience. Das heißt, manchen geht es so, in der Tiefenentspannung verlassen sie den physischen Körper oder auch in der Meditation oder manchmal auch in irgendwelchen extremen Situationen des Alltags und sehen sich von oben. Sogar soweit, dass sie dann Sachen sehen können, die sie vorher nicht gesehen haben, an die sie sich nachher im physischen Körper erinnern können. Soweit, dass es Operationen z.B. gibt, wo Menschen zwar unter Anästhesie sind, aber nachher beschreiben, was der Arzt gemacht hat und aus einer Perspektive, die sie nicht von unten hätten sehen können. Es gibt Menschen, die klinisch tot waren und dann beschrieben haben, was die Verwandten im Nachbarzimmer erzählt haben. Also, es ist Wahrnehmung auch möglich, ohne physischen Körper. So ähnlich wie mit Amit, könnte ich auch Kontakt aufnehmen ohne Computer. Z.B. irgendwann war er auf der Cebit gewesen und da wollte er mich eigentlich treffen, aber da war gerade eine Zeit, wo ich ein paar Tage lang in keiner Sozial-Communitiy war und als ich ihm geantwortet habe, war er wieder in Bombay gewesen oder wo auch immer, er dann gewesen ist. Also, ich hätte ihn sehr wohl physisch treffen können. Auch wenn ich normalerweise den Computer brauche, um mit Amit zu sprechen, kann ich mich auch mit ihm unterhalten ohne Computer. Telefon wäre auch möglich und ich spreche auch mit verschiedenen Computern. Ich nutze letztlich nicht nur einen Computer, mal bin ich unten, mal bin ich oben oder ich könnte auch mit irgendwelchen mobilen Geräten… So eben auch, zwar mag es jetzt momentan sein, dass wir vieles nur wahrnehmen über den physischen Körper, aber es ist auch möglich, Dinge wahrzunehmen ohne physischen Körper. Also, ich bin nicht der physische Körper. Und auch, es ist nicht mein physischer Körper. Wir sagen so schön, „Das ist meine Hand.“ Warum ist es meine Hand? Man kann natürlich fragen, wessen Hand soll es sonst sein? Aber es gehört einem nicht in dem Sinne, dass es ein dauerhafter Besitz ist. Es kann schon sein, dass heute Nachmittag die Hand weg ist. Ich plane z.B., heute Nachmittag mit dem Fahrrad zu fahren. Das ist jetzt kein außergewöhnlicher Entschluss, das mache ich fast jeden Tag. Ich werde jetzt nicht weiter diese Phantasie ausbauen, aber wir wissen nicht, was uns gehört. Also eigentlich ist es nur eine temporäre Leihgabe. Natürlich eine, um die wir uns auch kümmern müssen. Natürlich werde ich auch alle Vorsichtsmaßnahmen treffen und achte auch meine Bremsen und alles. Und nachdem ich vor ein paar Jahren öfters vom Fahrrad gefallen bin, habe ich mindestens in Kurven und mindestens im Herbst meine Geschwindigkeit erheblich gedrosselt. Sturzhelm, ich habe sogar aufgehört, einen Helm zu tragen, denn solange ich Helm getragen habe, bin ich ständig heruntergefallen. Das scheint irgendeine Wirkung zu haben. Aber ich will das jetzt auch nicht weiter ausbauen. Aber genauso wenig bin ich mein Körper, gehört mir mein Körper, wie, es gehört mir mein Fahrrad. Mein Fahrrad gehört mir auch nicht, auch wenn ich sage, es ist mein Fahrrad. Auch das kann einem jeden Moment genommen werden. Und diejenigen, die in Großstädten wohnen, wissen, dass das etwas sehr Realistisches ist. Als ich in Frankfurt war, mir sind nur zwei Fahrräder geklaut worden, der Eva-Maria ist in den fünf Jahren, glaube ich, jedes Jahr irgendein Fahrrad geklaut worden. Das war uns dann aber nicht mehr weiter tragisch, denn man kauft sich in einer Großstadt entweder kein Fahrrad oder Schlösser, die fast so teuer sind wie ein Fahrrad. Und dann, als ich eine Weile im Westerwald war, dort sind mir regelmäßig die Fahrräder kaputtgegangen, weil das sind außergewöhnliche Belastungen dort. Bis ich mir dann irgendwann ein gutes Fahrrad gekauft habe und das habe ich heute noch, weshalb ich da vielleicht eine gewisse Verhaftung dran entwickelt habe. Aber es könnte mir jeden Tag genommen werden. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, ein Fahrrad ist eine temporäre Leihgabe, die ich habe. Selbst wenn ich dafür bezahlt habe, ich habe dort nicht den Besitz am Fahrrad, sondern ich habe eine, man kann sagen, Leasingrate bezahlt, wobei die Verträge unklar sind. Das heißt, wir wissen nicht, für wie lange dieser Vertrag jetzt ist. Es kann heute weg sein, es kann auch noch ein paar Jahre dauern. Und so ist es eben auch mit dem Körper. Der Körper, den haben wir bekommen, vielleicht das wertvollste Geschenk, nicht nur vielleicht, sondern das wertvollste Geschenk, dass wir in diesem physischen Universum haben können. Gut, Geschenk stimmt auch wieder nicht. Die wertvollste Leihgabe, die wir bekommen haben und es gilt, dass wir uns um diese Leihgabe kümmern, dass wir dankbar dafür sind, dass wir alles tun, damit wir mit dieser Leihgabe als äußeres Instrument alles Mögliche tun können, aber wir sind nicht dieser Körper. Eine Analogie, die ich in letzter Zeit gerne wiederhole in diesem Kontext, ist die Analogie eines Raumanzuges. Angenommen, wir wollten als Menschen den Mars besiedeln. Und ich habe vor kurzem mal so eine interessante, flammende Rede gehört, eigentlich war es eine Hörsendung, warum Menschen den Weltraum besiedeln sollten. Da sagt er, es sieht so auch, als ob in dieser Ecke des Weltraums nur auf der Erde intelligentes Leben ist. Aber die Erde ist ein ausgesprochen sensibler Planet. Braucht bloß irgendein Komet darauf zu fall und das machen regelmäßig Kometen, es braucht nur einen größeren Vulkanausbruch zu geben und auch das hat es regelmäßig gegeben. Alle paar Millionen Jahre gab es auf der Erde einen so großen Vulkanausbruch, dass doch ein relativ hoher Anteil von Tierarten ausgestorben ist. Vor fünfzig bis sechzig Millionen Jahren gab es wahrscheinlich einen Meteoriten, der auf die Erde gefallen ist und alle Dinosaurier umgebracht hat. Manche sagen, es war doch ein Vulkanausbruch. Da gab es jedenfalls um eine ähnliche Zeit einen Meteoriteneinschlag und nur wenige hunderttausend Jahre später einen größeren Vulkanausbruch. Also, das Leben hier könnte jederzeit zu Ende gehen und dann wäre es doch eine Verantwortung des Menschen, dafür zu sorgen, dass nicht, wenn eine dieser regelmäßig passierenden kosmischen Ereignisse kommt, das Leben auf der Erde dann auslöscht. Also wäre es klug, dass Mensch verschiedene Planeten besiedelt. Sei jetzt vieles von dem, was dort behauptet wird, dahingestellt, aber eine interessante Aussage. Jetzt angenommen, wir wollen den Mars besiedeln. Dann kann man natürlich auf der einen Seite – und das wird so diskutiert – riesen Glaskuppeln schaffen mit einer künstlichen Schwerkraft und einer künstlichen Atmosphäre und hätte dann solche Art von Kolonien. Wäre eine Möglichkeit. Eine andere Möglichkeit wäre, Mensch bekommt eine spezielle Art von Raumanzug. Und zwar einen Raumanzug, der ganz genial ist. Einer, der zum einen das Temperaturempfinden modifiziert, denn auf dem Mars gibt es sehr viel höhere Temperaturen und sehr viel niedrigere Temperaturen als auf der Erde. Der Unterschied zwischen Tag und Nacht ist sehr viel höher und von einen Teil auf den anderen, also muss das Temperaturspektrum mit dem Raumanzug reduziert werden und natürlich am günstigsten zwischen plus 15 und plus 35 Grad, so hat der Mensch irgendwo ein Temperaturempfinden. Dann ist natürlich am besten, dass man da hindurch tasten kann. Also, wenn jemand anderes über den Raumanzug streichelt, dann spürt man irgendwo diese angenehme Empfindung, denn Mensch braucht Streicheleinheiten. Und des Weiteren, dass die Gerüche, also es braucht irgendeinen Filter. Es gibt eine Atmosphäre auf dem Mars, die nicht so ist wie hier, also muss dort irgendwo ein Filter sein, der dort solche Stoffe beim Ein- und Ausatmen durchlässt und wieder rauslässt, dass das irgendwie funktioniert. Dass die Partikel auf dem Mars so umgewandelt werden, dass, wenn man ein- und ausatmet, man Gerüche wahrnimmt. Dass also unsere Nase irgendwo das riechen kann. Auch der Hörsinn muss irgendwo modifiziert werden und natürlich kann man das noch endlos weiterbauen. So etwas ist theoretisch denkbar. Und diese eine Hörsendung, die ich dort gehört habe, hat gesagt, das wird es in fünfzig bis hundert Jahren auch geben. Und dann, noch genialer wäre es, wir würden den Raumanzug schon bei der Geburt bekommen oder kurz danach und der würde mit uns mitwachsen. Jetzt Preisfrage. Angenommen, wir gehen dann durch die Gegend, was würden wir von diesem Raumanzug annehmen? Das bin ich. Ich bin der Raumanzug. Und es ist mein Raumanzug und ich bin der Raumanzug. Nehmen wir an, der ist dann so sehr mit dem Körper verbunden, der kann auch nicht mehr abgenommen werden, nur durch eine schwere Operation. Oder nehmen wir mal an, die Medizin schreitet so lange weiter, dass wir dann recht alt werden können und nehmen wir an, nach hundert Jahren muss der Raumanzug gewechselt werden, aber man könnte ihn auch noch länger beibehalten. Was denkt ihr, würde die Leute den Raumanzug wechseln oder ihn beibehalten wollen? Können wir jetzt viel spekulieren. Ihr könnt einen Moment darüber nachdenken, was ihr denkt. Und jetzt die große Aussage ist, dieser Körper ist unser Raumanzug. Wir sind ein Wesen, dass keinen Körper hat, aber um auf dieser Welt zu funktionieren, haben wir einen Raumanzug bekommen, diesen Körper. Und dieser Körper gibt alle Sinneserfahrungen auf der physischen Welt so weiter, dass die Sinneswahrnehmungen – und die Yogis behaupten ja, dass die ganzen Indriyas in der Manomaya- oder Pranamaya Kosha sind. Also, dieser Raumanzug Körper wandelt die Impulse so um, dass alles, was Sinneserfahrungen auf der physischen Welt sind, eben mit der Manomaya Kosha verbunden ist und dass die Jnana Indriyas, die Wahrnehmungsorgange, diese Dinge der physischen Welt wahrnehmen können. Und das, was wir mit unserem Astralkörper tun wollen, Karma Indriyas, dass diese Impulse in den physischen Körper reingehen und auf der physischen Ebene wir Dinge tun. Also, physischer Körper wie ein Raumanzug, den wir für diese physische Welt brauchen. Vor dem Hintergrund ist auch übrigens denkbar, dass wir auch auf anderen Planteten leben können. Vielleicht nicht in diesem Sonnensystem, da scheint es mindestens unwahrscheinlich zu sein, dass es dort mindestens größere Lebewesen gibt. Bei Bakterien sind sich die Wissenschaftler uneinig. Man hat irgendwo auf der Antarktis irgendwelche Meteoriten gefunden, wo manche Wissenschaftler behaupten, da sind irgendwelche Bakterien gefunden worden, die es auf der Erde nicht gibt und niemals gegeben habe, andere bezweifeln das. Vor ein paar Jahren wurde das als sicher dargestellt, dass man auf einem Meteoriten Spuren von nicht irdischem Leben gefunden hat. Einige behaupten das auch weiter, andere bezweifeln das. Aber mindestens die Mehrheit der Zukunftsforscher, die ich höre, gehen davon aus, dass es auf dem Mars irgendwelches Leben gibt oder gegeben hat, aber eben keines, dass eine gewisse nennenswerte Größe hat. Aber in irgendeinem anderen Universum, die Leute dort müssen ja nicht zwei Beine und zwei Hände gehabt haben und die gleiche Schwerkraft und irgendwo diese Zusammensetzung der Atmosphäre gebraucht haben, Leben ist auch in anderen Kontexten möglich. Braucht man halt eine andere Art von Körper-Raumanzug. Also, das ist hier der grobstoffliche Körper. Da könnt ihr mal so ein bisschen vielleicht heute darüber nachdenken und mal so zu überlegen, angenommen, der physische Körper wäre ein Raumanzug. Dann könnt ihr einfach mal so gucken, das könnt ihr auch jetzt machen. Nehmt mal durch euren Raumanzug ein paar bewusste Atemzüge. Hebt mal irgendwo den rechten Arm eures Raumanzuges hoch oder den linken oder was ihr jetzt gerade wollt, aber macht irgendwas. Da könnt ihr tatsächlich merken, „Ja, irgendwo, ich gebe einen Impuls und das hebe ich hoch.“ Aber ihr wisst, es geht nicht alles. Z.B. jetzt, hebt mal euren Raumanzug als Ganzes einen Meter hoch. Wäre jetzt schön, wenn das einer machen würde. Also, der Raumanzug hat seine Grenzen oder Begrenzungen. Natürlich ist das eine Analogie. Das ist jetzt eine moderne Analogie, die selbstverständlich ihre Grenzen hat. Also, der besteht aus dem Grobstofflichen. Und dann heißt es noch, dieser grobstoffliche Körper, der besteht dann aus Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. Das entspricht vielleicht heute nicht so ganz unserer modernen Wissenschaft, ist ein anderes Körperverständnis. Ich lese es trotzdem mal vor.

Atma-Anatma Viveka – Die Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Nichtselbt

„Jetzt sage ich dir genau, was du wissen musst. Die Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst. Höre zu und denke darüber im Geist nach.“ (Sankara im Viveka Chudamani 71. Vers)
Also, jetzt beginnt er mit einer der wichtigen Analysen, nämlich die Analyse, Viveka zwischen Atman und Anatman. Atman, dem Selbst und Anatman, das Nicht-Selbst. Und eine Weise, wie er das macht, ist, er klassifiziert jetzt, was das Nicht-Selbst ist. Und zwar zunächst geht er auf den groben physischen Körper ein, einige ganze Verse. Dann anschließend geht er auf das innere Instrument ein, er geht auf die fünf Lebenskräfte ein. Nachdem er all das gesagt hat, dann geht er weiter, nicht nur vom Anatman, sondern er geht auf Maya, die Ursache der Welt des Scheins, ein. Und diese Weise, die er jetzt so macht, ist mit Hilfe von Klassifikation, uns davon zu lösen. Das ist jetzt natürlich die vedantische Klassifikation, man kann natürlich noch andere Klassifikationen wählen. Diejenigen von euch, die z.B. sich schon länger mit Jnana Yoga und Upanishaden beschäftigt haben, die wissen, man findet auch im Jnana Yoga unterschiedliche Schöpfungsgeschichten. Es gibt unterschiedliche Beschreibungen, was ist das Universum. Es gibt unterschiedliche Klassifikationen unserer Psyche. Die Klassifikation hat eben den Hauptgrund, dass wir lernen, uns davon zu lösen. Es ist z.B. ein Unterschied, ob wir sagen, „Ich bin krank.“ oder sagen, „Mein Körper ist krank.“ oder „Der Magen produziert zuviel Salzsäure und deshalb gibt es irgendwelche Probleme im Magen und Leber.“ oder „Mein Pitta ist übersteuert und dieses übersteuerte Pitta manifestiert sich jetzt gerade als eine Entzündung der Haut, die medizinisch auch als Neurodermitis bezeichnet wird.“ Es ist ein Unterschied zu sagen, „Ah, mir geht es wieder so schlecht.“ Oder es ist ein Unterschied zu sagen, „Die Manomaya Kosha ist momentan in einem rajasigen Zustand.“ oder zu sagen, „Ich bin total verärgert. Der hat mich total kirre gemacht.“ Und auf diese Weise geht jetzt Sankara vor. Erstens, um etwas zu beschreiben, dass wir lernen, mit etwas mehr Abstand diese Dinge anzugucken. Selbst unsere Emotionen, selbst die können wir mit Abstand angucken. Die können immer noch da sein, aber wir können sie irgendwo klassifizieren und dann beobachten. Jetzt gebraucht er die alte Ayurveda-Klassifikation der Bestandteile des grobstofflichen, physischen Körpers.

Befreiung und Erfolg im Yoga, höchste Erkenntnis, geschieht durch eigene Anstrengung – und Gnade

Sankara sagt: Kein anderer vermag einen von den Fesseln des Geburtenkreislaufs zu befreien. Man kann ein Pferd an die Tränke führen, aber man kann nicht für das Pferd trinken. Und ein Pferd kann man noch zur Tränke hinführen, andere Tiere kann man nirgendwo hinführen. So gibt es Menschen, die kann man irgendwo hinführen und andere weigern sich, irgendwo hingeführt zu werden. Man kann selbst praktizieren, man kann selbst Liebe ausstrahlen, man kann selbst Weisheit ausstrahlen. Von der Qual einer Last auf dem Kopf kann einer von anderen erlöst werden. In Indien wurde ja viel auf dem Kopf getragen und ich kann jemandem die Sachen abnehmen. Aber kein anderer als man selber kann einen von der Qual von Hunger und Durst erlösen. Ein Kranker wird wieder gesund, indem er Diät lebt und Medizin einnimmt und nicht dadurch, dass andere es für ihn tun. Mal angenommen, jemand anderes hat Magen-Darm-Probleme, dann nützt es nichts, wenn ihr Schonkost einnehmt.

Was ist Moksha? Was ist Selbstverwirklichung?

An einer späteren Stelle wird Sankara auch sprechen über die höchste Befreiung. Aber Selbstverwirklichung, Gottverwirklichung heißt wirklich Moksha und Selbstverwirklichung. Dann ist die Frage, was heißt Moksha? Was heißt Selbstverwirklichung? Ist dort wirklich jeder Anschein einer eigenartigen Gewohnheit vorbei? So kann man es nicht sehen. Der Körper hat seine Grenzen, das Hirn hat seine Grenzen, die Psyche hat ihre Grenzen. Wir dürfen nicht denken, dass Vollkommenheit heißt, dass man auf irgendeiner physischen, emotionalen und geistigen Ebene eine wie auch immer geartete Vollkommenheit erreicht hat. Es heißt, wir sind aufgewacht. Es heißt, wir wissen: Ich bin das unsterbliche Selbst. Ich bin der Atman. Man ist so weit aufgewacht, dass man sich nicht mehr inkarnieren muss. Es ist die Befreiung oder Nirvikalpa Samadhi oder Selbstverwirklichung. Gottverwirklichung heißt: Ich weiß, ich bin Satchidananda. Ich bin Sein, Wissen und Glückseligkeit. Aham Brahmasmi, ich bin Brahman. Ayam Atma Brahman, dieses Selbst ist Brahman. Wir wissen das und es ist ein dauerhaftes Wissen, es verlässt uns auch niemals mehr. Egal, was passiert, Harahalame Almasta Sat Chid Ananda Hum. Was auch immer passiert, ich weiß das.

Befreiung, Erlösung und Selbstverwirklichung

Frage: Der Wunsch nach Befreiung und der Wunsch nach Selbstverwirklichung, ist das das gleich oder etwas Unterschiedliches?
Vom vedantischen Standpunkt ist der Wunsch nach Selbstverwirklichung und Befreiung das Gleiche. Letztlich, der Wege sind viele, der Wahrheit ist eins. Worte sind viele, aber Wahrheit ist eins. Selbstverwirklichung, Erlösung, Moksha, Nirvikalpa Samadhi, höchste Erkenntnis, Unio Mystica, Nirwana – all das bedeutet das Gleiche. Also, Wunsch nach Befreiung, Wunsch nach Gottverwirklichung, Wunsch nach Selbstverwirklichung, Wunsch nach Nirvikalpa Samadhi – im Grunde ist alles das Selbe, es ist nur Frage der Worte. Manche Menschen wollen nicht den Ausdruck Befreiung, aber Selbstverwirklichung finden sie gut. Manche finden den Ausdruck Selbstverwirklichung nicht so gut, weil er ja auch zwei Hauptbedeutungen hat: Im Kontext der humanistischen Psychologie heißt Selbstverwirklichung irgendwo sich selbst kennenlernen, sich selbst anzunehmen, seine Talente zum Vorschein zu bringen und dem zu folgen, was irgendwo tief im Inneren angelegt ist, ein authentisches, selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist der humanistische Begriff der Selbstverwirklichung. Im Yoga meint man ja damit etwas anderes. Wir wollen unser wahres Selbst verwirklichen und das ist jenseits von allen Talenten und Möglichkeiten und so weiter. In diesem höheren Sinn, im spirituellen Sinn das Wort “Selbstverwirklichung” verstanden, ist es gleichbedeutend mit dem anderen. Dann ist es eine Frage, wie man es nimmt.

Spirituelle Praxis ohne Wunsch nach Befreiung?

Frage: “Was ist, wenn man gerne zurückkommt, also nicht vom Kreislauf von Geburt und Tod befreit sein will”?
Zunächst mal ein Trost: es gibt keine Befreiung wider Willen. Solange man weiter auf die Erde zurückkommen will, solange braucht man keine Angst haben, dass man vorzeitig die Verwirklichung erreicht. Das also zum Trost.

Sankara gibt darauf auch in einer Hymne eine Antwort, die ich euch auch schon mal genannt habe: Wieder wirst du geboren, wieder wirst du aufwachsen, wieder wirst du alt, wieder wirst du sterben, wieder wirst du Kinder in die Welt setzen, wieder wirst du sie verlassen. Jeder, den du siehst, war schon mal dein Vater. Jeder, den du siehst, war schon mal deine Mutter. Jeder, den du siehst, war schon mal dein Kind, dein Bruder, deine Schwester. Wann hast du genug davon?

Vairagya führt zur Erleuchtung

„Denn nur wo Losgelöstheit, Vairagya, und die Sehnsucht nach Befreiung, Mumukshutva, in hohem Maß vorhanden sind, erfüllen die sechs Tugenden, Shatsampat, ihren Sinn und tragen Früchte.“ (Sankara im Viveka Chudamani 29. Vers)
Das ist auch noch mal etwas Wichtiges. Es ist manchmal ja auch die Frage, „Reicht es nicht aus…“ – ich erweitere jetzt diese sechs Tugenden auf andere – „Reicht es nicht aus, ein ethisches Leben zu führen?“ Und Sankaras Antwort wäre, nein. Ein ethisches Leben ist gut, selbstverständlich und jetzt widerspreche ich dem Papst. Der Papst sagt, „Ein ethisches Leben ohne Gott ist kaum möglich.“ Vor ein oder zwei Jahren hat er so gesagt, „Ein Grund, weshalb Religiosität wichtig ist, damit Menschen ethisch sind. Denn es braucht einen religiösen Glauben, um ethisch zu sein.“ Meine Behauptung ist, stimmt nicht. Es gibt Menschen, die sind vollkommen atheistisch und führen ein sehr ethisches Leben. Vermutlich kennt ihr auch den ein oder anderen. Und es gibt Menschen, die sind sehr religiös und haben einen großen Glauben und führen ein sehr unethisches Leben. Sogar in vielen Fällen werden Menschen egoistisch, wenn sie anfangen, spirituell zu werden. Vielleicht auch das, was du unter Weltflucht dort verstanden hast. Oder vorgestern war der 11. September. Ihr erinnert euch noch, wozu Menschen in der Lage sind aus einem religiösen Fanatismus. Und ich hatte irgendwann mal diesen Brief, den letzten Brief gesehen, den dieser Mohammed Atta an seine Co-Attentäter geschickt hat. Habt ihr den mal gelesen? Spirituell hoch ergreifend. Wunderschön geschrieben. Sehnsucht nach Gott. Es gab ein paar furchtbare Sätze auch drin, aber der größte Teil hat mich fast inspiriert. Gegen meinen Willen. Nicht dass ihr denkt, ich werde jetzt zum Terroristen dadurch. Aber ich konnte das nachvollziehen, was der Geist ist, aus dem sie dort hingehen. Oder irgendwann mal habe ich eines dieser Videos gesehen von Osama bin Laden. Der wirkt überzeugend. Der ist nicht einfach nur ein Schreihals wie Hitler gewesen. Und selbst der hat auf Leute überzeugend gewirkt und hat religiöse Gefühle in ihnen angesprochen. Also, wir müssen dort aufpassen, bevor wir dort sagen, Religion macht Menschen ethisch und Atheisten sind alle unethisch. Das stimmt einfach nicht. Aber um zur Befreiung zu kommen, reicht jetzt ethisches Verhalten allein nicht aus. Um zur Befreiung zu kommen, ist ethisches Verhalten wichtig und das dann gekoppelt mit Wunsch nach Befreiung und das gekoppelt mit Vairagya. Jetzt habe ich diese Shatsampat noch ergänzt eben durch die eigentliche Ethik. Aber man kann auch noch sagen, Shatsampat ist ja jetzt auch nicht Ethik an sich. Shatsampat können auch Menschen machen, die gar nichts, noch nicht mal mit ethischem Leben zu tun haben. Ruhe, Gleichmut bewahren. Es gibt ja diesen Stoizismus als Philosophie der Antike. Die Shatsampat, könnte man sagen, die Stoiker haben ein solches Leben geführt. Wobei die Stoiker jetzt durchaus auch eine Philosophie dort hatten, aber es war jetzt keine religiöse Philosophie. Es war im Altertum zum Teil auch als Schimpfwort gebraucht. Jemand, der sich nur äußerlich beherrscht und nirgendwo engagiert ist. Das sind die Shatsampat in der ersten Interpretation, von nichts berührt zu sein. In der zweiten Interpretation heißt es, man kann Emotionen und alles haben, aber weiß, „Das bin ich nicht.“ und ist in der Lage, auch mal jenseits dessen zu gehen. Also, Shatsampat allein ist noch keine Spiritualität. An Shatsampat zu arbeiten, das zu koppeln mit Vairagya, Viveka und Mumukshutva, dann können wir zur Befreiung hingehen.

Mumukshutwa, die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und Erleuchtung

„Sehnsucht nach Befreiung, Mumukshutva, ist der brennende Wunsch, sich durch Erkenntnis des ureigenen Wesens von den Fesseln, wie Ichbezogenheit und Körperverhaftung, zu befreien, die aus Unwissenheit entstanden sind.“ (Sankara im Viveka Chudamani 27. Vers)
Also Mumukshutva. Moksha heißt Befreiung, Mukshutva hieße, Wunsch nach Befreiung und Mumukshutva ist der intensive Wunsch nach Befreiung. Er sagt, „Ist der brennende Wusch, sich durch Erkenntnis des ureigenen Wesens von den Fesseln, wie Ichbezogenheit und Körperverhaftung, zu befreien, die aus Unwissenheit entstanden sind.“ Und dieses Mumukshutva ist in besonderem Maße wichtig. Swami Sivananda hat mal so humorvoll gesagt, Selbstverwirklichung ist eine Sache von Angebot und Nachfrage. Wenn Nachfrage da ist, dann kommt auch das Angebot, nämlich die Selbstverwirklichung. Das ist vielleicht so wie eine kapitalistische Wirtschaft, wenn es eine Nachfrage gibt, dauert es nicht lange, bis irgendein Unternehmen das anbietet. Das ist jetzt natürlich ein bisschen flapsig formuliert. Aber wenn wir wirklich tief im Inneren die Selbstverwirklichung wollen, dann kommt sie auch. Und es heißt, wenn der Wunsch nach Selbstverwirklichung oder nach Befreiung oder nach Einheit stärker ist, als alle anderen Wünsche zusammen, dann erreichen wir das in diesem Leben. Wenn der Wunsch schwächer ist als andere Wünsche, dann in einem späteren Leben. Antoine De Saint – Exupéry hat mal was Ähnliches ausgedrückt: „Angenommen, du willst jemandem beibringen, wie er Seefahrer wird, dann erzähle ihm nicht über die verschiedenen Schiffsarten, Antriebsarten, Segelarten, sondern schwärme ihm vom Meer vor. Er wird dafür sorgen, dass er all das macht, all das lernt, was notwendig ist, um Seefahrer zu werden.“ Und auf eine gewisse Weise macht Sankara das, auf einer gewissen Weise mache ich das ja auch, ich schwärme euch von der Verwirklichung vor. Und Sankara macht es, die großen Meister machen es, zu erzählen, „Brahman, das ist das, worum es geht. Satchidananda, das ist deine wahre Natur. Alles andere ist relativ und vergänglich und letztlich macht es nicht dauerhaft glücklich.“ Und wenn wir darüber öfters nachdenken, wird der Wunsch nach Befreiung stärker. Patanjali drückt es ja so aus im Yoga Sutra, „Verwirklichung kommt schnell bei dem, der einen starken Wunsch danach hat.“ Also, wenn wir einen starken Wunsch nach Verwirklichung haben, dann kommt sie auch. Aber den Wunsch, den gilt es auch zu pflegen. Wir können wirklich auch etwas tun, damit der Wunsch stärker wird. Denn die anderen Wünsche werden immer wieder stärker, insbesondere im so genannten Kali-Yuga. Kali-Yuga heißt dunkles Zeitalter. Und laut klassischer indischer Chronologie befinden wir uns seit 3227 v. Chr. im Kali-Yuga und es dauert noch 427.000 Jahre knapp, bis wir dort rauskommen. Also nicht, dass ihr denkt, wir könnten dort schon morgen oder übermorgen rauskommen. Aber ich muss zugeben, ich bin jetzt bei diesen klassischen Chronologien nicht so ganz der Meinung, dass man es wörtlich nehmen soll. Denn letztlich heißt es irgendwo, seit Beginn der Zivilisation ist das dunkle Zeitalter und vorher, als wir in Höhlen gelebt haben, war es ein bisschen besser und vorher, als wir noch nicht mal Höhlen kannten, war es ganz besonders gut. Das ist durchaus auch in Frage zu stellen. Natürlich weiß man auch nicht, ob da all das stimmt, was die Anthropologie sagt, vielleicht gab es durchaus Atlantis, als einen großer Kontinent, der untergegangen ist und ist irgendwo tief verschüttet. Und wenn die Wissenschaft irgendwann 1000 Meter unter den Meeresboden geht, findet man vielleicht Atlantis, als eine überlegene Zivilisation und vielleicht findet man irgendwann Lemuria 10.000 Meter unter dem Meeresspiegel. Soviel ist 10.000 Meter nicht oder 100.000 Meter. 100 Kilometer im Verhältnis zu 12.000 Kilometer Erddurchmesser ist nichts. Aber ich muss zugeben, persönlich bin ich doch inzwischen etwas mehr von den Aussagen der Biologie ein bisschen überzeugt, die eben das Erdzeitalter anders einteilen, als man es in manchen indischen Schriften findet. Und deshalb, auch mit diesem dunklen Zeitalter ist auch eine Sache, ob man das jetzt so wörtlich nehmen soll. Ich glaube, für die Praxis des Yogas spielt es jetzt nicht die allergrößte Bedeutung. Nur wenn wir Kali-Yuga jetzt einfach nehmen und sagen, Kali-Yuga ist dadurch charakterisiert, eine Mehrheit der Menschen ist nicht an Spiritualität interessiert. Und eine Mehrheit der Menschen ist mehr daran interessiert, reich und schön zu werden und Geld zu haben und das Leben zu genießen und Macht zu haben. Dann werdet ihr feststellen, das ist eine Mehrheit, oder? Oder habt ihr das Gefühl, die Mehrheit von euren Mitmenschen ist hauptsächlich interessiert an Gottverwirklichung, Selbstverwirklichung, uneigennützigem Dienen, gemeinnütziges Engagement? Jeder hat etwas davon, behaupte ich. Auch derjenige, der sich als Materialist bezeichnen würde und das sind nur wenige, auch der hat irgendwo ein inneres Engagement für etwas Gutes. Auch der überlegt manchmal, „Wer bin ich und was soll das Ganze?“ Aber für die Mehrheit ist es nicht ein Hauptwunsch und deshalb ist es ganz natürlich, dass man immer wieder angesteckt wird von der Mehrheitsmeinung. Und dann, die wenigstens von euch haben hauptsächlich Freunde und Freundinnen aus dem Yogabereich und die werden euch dann ab und zu mal irgendwie sagen, „Ja, lass das ganze Yoga. Du musst auch mal dein Leben genießen.“ Das ist immer paradox. Ich genieße mein Leben sehr. Wenn ich die Luft anhalte und das Prana hochsteigt und das Herzchakra sich öffnet und die Wirbelsäule dann mal wieder warm wird und irgendwo, was für ein Sinnesgenuss… Gut, vielleicht gibt es schöne Sinnesgenüsse auch, aber jedenfalls das genieße ich auch. Oder wenn ich dann vor euch sitze und über Mumukshutva spreche, was sollte dort schöner sein, was sollte ich im Leben verpassen? Da fällt mir jetzt nichts ein. Also, ich genieße jetzt mein Leben, ich kann über Viveka-Chudamani sprechen. Aber angenommen, ich würde jetzt mit meinem Onkel oder mit meinem Vater darüber sprechen oder mit Schulfreunden, dann würden die das anders sehen. Und wenn die Mehrheit der Menschen eben diese anderen Ansichten hat, wird man auch so ein bisschen mit beeinflusst. Außerdem ist es natürlich auch so, die volle Verwirklichung, ganz so schnell kommt sie dann doch nicht. Und dann ist man ein bisschen enttäuscht und denkt, „Ja, jetzt muss ich doch etwas anderes machen.“, dann kommt man auf diese und jene Idee.