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Die vier Mittel der Befreiung – Sadhana Chatushthaya

Sankara fährt dann fort. „Wenn man zu einem Lehrer geht, braucht man vier Eigenschaften, Viveka, Vairagya, Mumukshutva und Shatsampat.“ Also, man sollte schon eine gewisse Viveka haben. Die Viveka führt letztlich zur höchsten Befreiung, aber schon Viveka am Anfang ist wichtig. Schon am Anfang sollte man sich einer gewissen Sache bewusst werden, eben „Ich bin nicht dieser Körper. Ich werde nicht glücklich sein durch die eine oder andere Wunscherfüllung. Und diese Welt, so wie sie sich mir darstellt, kann nicht wirklich wirklich sein.“ Das ist schon etwas, was man als Schüler vom Jnana Yoga schon von Anfang an irgendwo mindestens angedeutet haben sollte. Als zweites, Vairagya. Viveka, kann man sagen, ist mehr intellektuell und vernunftmäßig und Vairagya ist herzensmäßig. Vom Inneren heraus fühlen, „Wunscherfüllung allein und ein materiell gelebtes Leben oder das so genannte normale Leben, macht mich nicht dauerhaft glücklich.“ Das ist ein essentielles Wissen, „Auch wenn jetzt der Weihnachtsmann kommen würde und mir alle Wünsche erfüllen würde oder wenn jetzt eine Fee kommen würde und sagen würde, du hast drei Wünsche frei, wir wissen, äußere Wünsche machen mich nicht glücklich.“, Vairagya. Dritte, Shatsampat, die edlen Tugenden der Gleichmut. Wir sind sie alle durchgegangen, von einem praktischen Standpunkt aus, wie auch von dem höheren Standpunkt aus, den Sankara dort entwickelt. Letztlich auch aus der Überzeugung, dass nichts Äußeres einen glücklich macht, kommt auch eine gewisse Shatsampat, dann kann man auch gleichmütig sein gegenüber all diesem Äußeren. Wobei es die Gleichmut 1. Grades und 2. Grades gibt. Die erste ist, die Emotionen werden einen gar nicht erst unruhig machen und das zweite ist, man weiß, „Ich bin nicht die Emotionen und ich behalte die höhere Gleichmut, selbst wenn ich zwischendurch explodiere.“ Schließlich Mumukshutva, darüber habe ich gesprochen. Er erwähnt Mumukshutva immer wieder. Wenn wir uns so ausgestattet haben mit diesen vier Eigenschaften, dann gilt es, gerade die Viveka immer weiter zu entwickeln und uns immer wieder bewusst zu machen, „Ich bin nicht der Körper. Ich bin nicht die Wünsche. Ich bin nicht die Psyche. Ich bin nicht das Prana. Ich bin nicht die Emotionen. Ich bin nicht die Persönlichkeit. Sondern meine wahre Natur ist Brahman.“
So kommen wir über Viveka zu den vier Mahavakyas: Tat Tam Asi. – Das bist du. Das, das wir nicht beschreiben können. Ahambrahmasmi. – Ich bin Brahman. Ayam Atma Brahman. – Dieses Selbst ist Brahman. Und Prajnanam Brahman. Was ist Brahman? Brahman ist Bewusstsein. Dieses Bewusstsein kann man auch nennen, Satchidananda, Sein, Wissen und Glückseligkeit.
Aus dieser Bewusstheit heraus kann man dann leben. Es gilt, das auch in den Alltag umzusetzen und ich kann euch da durchaus empfehlen, noch mal das Kapitel „Vedanta“ aus Swami Sivanandas Buch „Göttliche Erkenntnis“ durchzulesen, da beschreibt er das auch noch mal sehr ausführlich von einem praktischen Standpunkt aus, wo er klar sagt, Vedanta darf nicht nur einfach intellektuelle Gymnastik sein. Es darf nicht Ligual Diarrhoea sein, also Sprechdurchfall, sondern aus dieser Vedanta kommen auch praktische Konsequenzen. Es gilt, es umzusetzen im Alltag und diese Umsetzung, die steht jetzt für euch wieder bevor. Zu arbeiten an Viveka, Vairagya, Shatsampat, Mumukshutva. Uneigennützig dienen im Sinne von, das Selbst aller Wesen ist gleich, inmitten aller Veränderungen des Lebens, das eine kosmische Selbst zu erfahren, sein Karma abzuarbeiten, damit wir letztlich auch auf beschränkte Weise unsere Mission im Leben erfüllen. Wenn wir nicht immer uns der höchsten Wirklichkeit bewusst sein können, dann gilt es, sie zu verehren. Das ist das, was Krishna ja in der Bhagavad Gita in jedem Kapitel macht, wo er über Jnana Yoga schreibt oder spricht. Jedes Mal, wenn Krishna über Jnana Yoga spricht, sagt er zum Schluss, „Und wenn es dir nicht gelingt, dir ständig deines Selbst bewusst zu sein, dann verehre Gott. Und wenn du nicht immer die eine Seele hinter allem wahrnehmen, erkennen, fühlen kannst, dann verehre sie halt. Und wenn du all das nicht so ganz kapierst, dann habe einfach Vertrauen und verehre es.“ Und so gilt es, diese verschiedenen Standpunkte zu integrieren. Und ich bin immer wieder darauf eingegangen, auf diese Sätze von Hanuman. Als Rama ihn gefragt hatte, „Wer bist du?“, hat Hanuman geantwortet, „Auf der physischen Ebene bin ich Dein Diener. Auf einer geistigen Ebene bin ich ein Teil von Dir. Auf der höchsten Ebene bin ich Du.“ Der Mensch ist äußerst komplex und so gilt es, auf all diesen Ebenen zu wirken. Wenn wir nur eine dieser Ebenen berücksichtigen, ist es letztlich unvollständig. Und gerade für jemanden, der im aktiven Leben steht, gilt es aus allen drei Ebenen heraus zu handeln. Angenommen, ihr wärt Wandermönch, dann könntet ihr vielleicht nur aus dem dritten heraus handeln. Aber vom Karmischen her ist das, glaube ich, keiner von euch und die meisten von euch, vermutlich alle, sind irgendwo auch im Alltag beschäftigt und so gilt es, die Handlungen Gott zu widmen, sich als Gottes Diener zu empfinden, als Diener die Dinge tun, so gut, wie man kann, auch seine Fähigkeiten zu entwickeln. Auf einer anderen Ebene zu erkennen, „Ich bin Teil Gottes. Alles, was ich tue, ist letztlich Teil des kosmischen Ganzen. Gott möge durch mich hindurch wirken.“ Auf der höchsten Ebene sind wir eins. Auf die wir uns immer wieder zurückbesinnen können, sowohl in der Meditation, als auch zwischendurch im Alltag, woraus dann eine heitere Einstellung zum Leben geschieht.

Strebe nach Befreiung, Samadhi, Erleuchtung

Sankara sagt dann weiter, „Es gibt jetzt Menschen, die haben den ersten Schatz, Manushyatam und sind zu dumm, nach Mumukshutvam zu streben. Es gibt Menschen, die sind noch dümmer.“ Sankara hat ja manchmal eine sehr krasse Ausdrucksweise, wie oft gerade die Südinder, vor allem die Keralesen. Es gibt Menschen, die sind noch dümmer. Sie haben die menschenwürdige Geburt, ein menschenwürdiges Dasein und sie haben den Wunsch nach Befreiung und sind letztlich zu dumm, einen Lehrer zu suchen und ihm zu folgen. Und die allerdümmsten sind die, die erstens Manushyatam haben, zweitens Mumukshutvam haben, drittens die Lehren gefunden haben und einen Lehrer gefunden haben und sich dann nicht bemühen, wirklich nach Befreiung zu streben und immer wieder sich ablenken und nach anderem streben oder sich über Kleinigkeiten aufregen.“

 

Die Drei Schätze des Menschen

Sankaracharya beginnt ganz am Anfang zu sagen, „Manushyatam Mumukshutvam Mahapurusha Samshrayaha.“ Drei Dinge sind wertvoll auf dieser Welt, drei große Schätze. Das erste ist Manushyatam, ein menschenwürdiges Dasein. Was zuerst mal beinhaltet, einen menschlichen Körper zu haben. Zweitens, dass man das hat, was man zum physischen Überleben braucht, also was zu essen, Dach über dem Kopf und nicht eine Angst, dass man am gleichen Tag marodierenden Banden zum Opfer fällt. Und das ist der erste der großen Schätze, die wir als Mensch haben in diesen Breiten, wo wir geboren sind. Das zweite ist Mumukshutvam, der intensive Wunsch nach Befreiung. Dieser Wunsch nach Befreiung ist bewusst oder unbewusst in jedem Menschen angelegt. Bei manchen ist er stärker, bei manchen ist er schwächer. Und bei denen, bei denen dieser Wunsch besonders stark angelegt ist, ist es manchmal auch nicht nur angenehm, denn sie sind anders als Otto Normalverbraucher oder als Ottonin Normalverbraucherin oder Ottilie Normalverbraucherin. Sehr viele Menschen haben Manushyatam. Mumukshutvam haben viele nicht. Und wenn sie es haben und man nicht weiß, wohin das führen kann, dann ist man auch nicht unbedingt glücklich, wenn man nicht wertschätzt, „Ja, das ist etwas Wertvolles.“ Mumukshutvam, der intensive Wunsch, die Wahrheit zu erfahren. Nicht zufrieden sein mit dem Relativen, was die Welt uns so anbietet. Zu Mumukshutvam gehört auch dazu, intensive Sehnsucht nach Gott, intensive Sehnsucht nach Wahrheit. Und das dritte wichtige ist Mahapurusha Samshrayaha, also die liebevolle Fürsorge durch einen selbstverwirklichten Meister, was heißen kann, eine Tradition zu finden, in der ein großer Meister – auch wenn er nicht mehr im physischen Körper ist – einen weiter leitet, wo man Praktiken hat, die man üben kann, Lehren hat, denen man folgen kann und vielleicht auch – wenn auch nicht ganz selbstverwirklichte Meister – Menschen hat, die einem auch praktisch die Dinge beibringen können. Das sind die drei wertvollsten Schätze im Universum. Wertvoller als jeder Lotteriegewinn. Wertvoller als das beste Auto. Sogar wertvoller als das schönste Haus und die tollste, was auch immer sonst. Das gilt es, sich dessen bewusst zu sein und immer wieder auch bewusst zu sein, danach gilt es zu streben und das gilt es zu nutzen.

Karma Yoga und Vedanta

Ein nächster wichtiger Yogaweg ist Karmayoga. Und in seinem Kapitel „Vedanta“ aus dem Buch „Göttliche Erkenntnis“ betont Swami Sivananda den Karmayogaaspekt sogar am allermeisten vom Vedanta und da sagt er auch, „Ich glaube an praktischen Vedanta. Wenn man nur Texte liest und zitiert und Vorträge hält, das ist nur intellektuelle Gymnastik oder Lingual Diarrhoea, Sprechdurchfall.“ Dann sagt er auch, „Zu viele Worte, die steigen dir zu Kopf.“ Müsst ihr natürlich wissen, das ist so eine indische Tradition, wo Vedantalehrer sind, die müssen gute Vorträge geben können, die werden dann in hoher Ehrerbietung gehalten, aber wehe nachher, das Essen hat nicht die richtige Temperatur. Also, Karmayoga heißt dann hier, handeln daraus, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, liebe deinen Nächsten als dein Selbst. Und diene anderen, weil es hilft, das individuelle Bewusstsein zu überwinden. Und indem wir anderen dienen, ist das dann auch nicht arrogant, wo wir sagen, „Ah, ich großartiger Mensch, ich diene dir kleinem Hilfsbedürftigen.“, sondern im Gegenteil ist es so, wir danken dem anderen für die Gelegenheit, ihnen zu dienen, denn, indem wir anderen dienen, weiten wir unser Bewusstsein aus. Eine der einfachsten Weisen, sich mit anderen verbunden zu fühlen, ist, ihnen zu dienen, anderen zu helfen. Und wer wirklich sein Leben dem Dienst anderer geweiht hat, hat das sicher schon gespürt diese Verbundenheit. Gut, manchmal fühlt man sich dann vielleicht auch ausgenutzt und manchmal fühlt man Undankbarkeit oder manchmal fühlt man die Ohnmacht, so viel Leid in dieser Welt, so wenig, was man tun kann. Aber gerade dann braucht man auch wieder Vedanta. Indem man erkennt, auch das Leiden der Welt dient einem Zweck, nämlich dem Zweck aufzuwachen, Erfahrungen zu machen, zu wachsen und wir können dort nur demütig sein, wir können das Leid mildern, was wir mildern können, wir können auch nur Diener sein in den Händen Gottes und wir können auch wissen, auch wenn jemand offensichtlich leidet, tief im Hintergrund bleibt er immer Satchidananda. Auch im größten Leiden bleibt Satchidananda. Das ist ein bisschen komplex, aber Vedanta und Karma Yoga gehören irgendwie zusammen. Karma Yoga bedarf entweder Jnana Yoga oder Bhakti Yoga. Karma Yoga allein lässt einen verzweifeln, sowohl vor der Unendlichkeit des Leidens, vor der Ohnmacht, das ausreichend zu ändern, wie auch der Undankbarkeit der Welt. Das können wir entweder als Diener tun oder wir können es aus dem Jnana Yoga heraus machen und so können wir wirklich dienen. Und Dienen heißt dann natürlich auch, wir müssen auch mal Rollen spielen. Z.B. eine Mutter muss auch mal das Kind schimpfen, muss auch mal so tun, als ob sie ärgerlich ist. Auch ein spiritueller Lehrer muss auch mal streng mit seinen Schülern sein. Je nach Temperament ist das vielleicht stärker, ist es vielleicht schwächer. Swami Vishnu-devananda und Swami Krishnananda haben vielleicht ihre Lektionen an ihren Schülern etwas burschikoser gesagt. Ein Swami Chidananda war da vielleicht etwas subtiler, aber Lektionen waren da. Auch ein Swami Sivananda konnte Menschen gegenüber auch streng sein. Er hat auch Menschen aus dem Ashram verwiesen, hat sie nach Hause geschickt, hat sie versetzt, hat ihnen gesagt, „So geht es nicht.“, hat irgendwo gesagt, „Du praktizierst wie ein Egoist, tu mal was Nützliches.“, also, all das hat er auch gesagt. Aber er hat es gesagt, während er mit ihnen gefühlt hat und gewusst hat, „Wir sind alle eins. Jetzt ist aber das Karmaspiel Lehrer-Schüler. Dort habe ich als Lehrer bestimmte Aufgaben und ich muss dort meinem Schüler bestimmte Lektionen dort sagen.“

Bhakti Yoga und Vedanta

Bhakti Yoga. Ein Yogaweg, den Sankara ja an verschiedenen Stellen des Viveka-Chudamani lobt. Letztlich auch der Krishna. Diejenigen, die sich mit der Bhagavad Gita beschäftigt haben, fast immer, wenn Krishna über Jnana Yoga schreibt oder spricht, kommt am Ende des Kapitels vorübergehend dann wieder ein Bhakti Vers. Wo er dann spricht über Brahman und das Ewige und das Unendliche und das Absolute und dann sagt er noch, „Und wer dieses Brahman erkennt, der wird befreit vom Kreislauf von Geburt und Tod, der ist erlöst.“ Und danach sagt er, „Und wer Brahman einfach verehrt und an Brahman glaubt und aus diesem Glauben heraus lebt, der erreicht die Verwirklichung auch.“ Also, wir können diese höhere Wahrheit auch verwirklichen, indem wir sie verehren. Letztlich heißt es auch, das, was wir verehren, mit dem verschmelzen wir irgendwann. Und für viele ist es leichter, Brahman zu verehren, als über die Einheit von Brahman nachzudenken. Und gerade im Alltag ist das dann oft leichter. Wir sind auch ausreichend komplex, dass man zum einen sagen kann, „Ahambrahmasmi“, dann können wir sagen, „Die Ganze Welt ist Manifestation Brahmans und hinter der ganzen Welt ist Ishwara und Ishwara will ich verehren.“ Ishwara ist dann der Träumer und die Gesetze im Universum und die ganze Welt entwickelt sich und ich will irgendwo meinen Part tun und deshalb sage ich, „Dein Wille geschehe. Dein Reich komme. Wie im Himmel, so auch hier auf der Erde. Möge ich das erfahren.“ Und wenn wir so Brahman verehren und Brahman dienen, dann erfahren wir die Verschmelzung mit Brahman. Und dann die ganzen Bhakti-Praktiken, wie die Puja, die wir heute Abend machen werden oder wie Mantrasingen, Arati, sich verneigen und so vieles andere, all das hilft, dass unser Herz sich öffnet, das Herz sich weitet und wir Einheit spüren und erfahren.

Raja Yoga und Vedanta

Raja Yoga. Patanjali, in seinem Yoga Sutra, ist eigentlich nicht ein reiner Raja Yogi. Es werden manchmal künstliche Grenzen aufgebaut. Eigentlich, jeder dieser klassischen Yogawege enthält alle Yogawege auch in sich. Patanjali sagt ganz zu Anfang, „Yogas Chitta Vritti Nirodhah, Tada Drastuh Svarupe Vasthanam. Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken im Geist, dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen.“, fertig. Und in einer der Interpretationen des Yoga Sutras, der Interpretation von Swami Krishnananda, der sich auch noch auf ältere Interpretatoren bezieht, sagt, das ist so die Lehre für die Top Class Aspirantes oder auch die First Class Aspirantes, für die Aspiranten der ersten Klasse. Man hält den Geist an, keine Gedanken, Nirvikalpa Samadhi, dann sind wir verwirklicht, fertig, brauchen wir nichts weiter zu machen. Und dann haben wir auch Jnana Yoga erreicht. „Swarupoham Tada Drastuh Svarupe Vasthanam, dann ruht der Sehende in seinem wahren Wesen.“ Wir brauchen nur den Geist zur Ruhe zu bringen. Und dann gibt Patanjali für die nicht First Class Aspirantes noch weitere verschiedene Methoden. Auch im weiteren ersten Kapitel erwähnt er noch verschiedene Weisen, wie wir zur höchsten Wahrheit kommen können, das ist jetzt kein Raja Yoga Weg. Im zweiten Kapitel sagt er dann noch, Kriya Yoga. Tapas, Swadhyaya, Ishwara Pranidhana Kriyayogah, damit überwinden wir die Kleshas und dann sind wir in der Verwirklichung. Das heißt, das ist so der Weg des Raja Yoga, um diese Identifikation zu überwinden. Wir überwinden Schritt für Schritt. Als erstes überwinden wir die Ängste. Wie überwinden wir die Ängste? Wir machen das, wovor wir Angst haben. Also, wenn ihr irgendwas habt, wovor ihr Angst habt, dann nehmt euch vor, „Ich mache es.“ Und dann das nächste, womit wir gebunden sind, sind Raga und Dwesha, Mögen und Nichtmögen. Wie überwindet man Mögen und Nichtmögen? Indem ich das tue, was ich nicht mag. Das ist jetzt alles so der Tapasaspekt. Und ich mache nicht das, was ich mag und ich mache das, was ich nicht mag. Ist eine sehr machtvolle Sache. Das ist aber noch für die Sekond Class Aspirantes. Und wenn wir das ausreichend machen, dann fallen die nächsten Schritte leicht, denn ohne Ängste und ohne Mögen und Nichtmögen wird das Ego sehr dünn. Dann wird es leicht, über das Ego hinauszugehen, über Avidya hinauszugehen, dann erfahren wir, wer wir wirklich sind. Aber außer Tapas gibt es auch noch Swadhyaya und es gibt auch noch Ishwara Pranidhana, als drei Methoden des Kriya Yoga. Ishwara Pranidhana ist Hingabe an Gott. Wir verehren Gott. Damit sind wir im Bhakti Yoga, wo ich gleich noch mal hinkommen. Wir verehren Gott und durch die Verehrung Gottes kommen wir auch jenseits dieser Kleshas. Eine dritte Weise wäre Swadhyaya. Swadhyaya kann man psychologisch interpretieren. Swadhyaya kann man aber auch vedantisch interpretieren. Swadhyaya ist Selbststudium. Also, wir können unsere Psyche studieren und können lernen, mit unserer Psyche umzugehen und dann können wir noch sehr viel detaillierter daran arbeiten, als einfach mit Tapas, im Sinne von, all unsere Ängste angehen und unser Raga und Dwesha systematisch angehen. Oder wir können eben Swadhyaya nehmen vom Standpunkt des Jnana Yoga. Selbststudium im Sinne von Viveka. Und im Laufe des zweiten Kapitels sagt dann Patanjali, Viveka Khyati ist der Weg zur Befreiung. Also dauernde Unterscheidung und da ist er wieder wie der Sankara im Viveka-Chudamani, Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst, Unterscheidung zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen, Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen, Unterscheidung zwischen Ananda und Sukha oder Wonne und letztlich auch Leiden. Und danach sagt dann Patanjali, „Und um in den Zustand von Viveka Khyati zu kommen, sollte der Yogi die sieben Stufen praktizieren. Also, wenn es uns nicht gelingt, dauerhaft unseren Geist zu einer Unterscheidungskraft zu führen, dann gelten Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana, dann können wir Viveka üben und in Samadhi fallen. Also, hier kommt Patanjali zu einem ähnlichen Schluss wie auch Sankara in den einleitenden Versen, wo er auch von den Shatsampats spricht, den sechs edlen Tugenden, die es zu entwickeln gilt und wo er auch spricht über andere Yogawege, die helfen, dass der Geist so zur Ruhe gebracht wird, dass wir auch wirklich Viveka üben können. Und so, wenn man jetzt Raja Yoga als Hilfspraxis für Jnana Yoga übt, wissen wir auch, wir brauchen nicht unseren Geist vollständig unter Kontrolle zu bringen. Wir müssen ihn nur ausreichend unter Kontrolle bringen, dass die Viveka ausreichend stark wird und dann können wir aus dieser Verhaftung mit diesem Körper-Geist-Komplex rauskommen. Das ist ein wichtiger Gedanke dort. Also, um zu Nirvikalpa Samadhi zu kommen, müssen wir nicht abwarten, bis wir alle unsere geistigen und psychischen Probleme aufgearbeitet haben. Schon allein, was wir in den ersten Jahren unseres Lebens an psychischen Problemen angesammelt haben, da gibt es manche Menschen, die verbringen dann die restlichen 60 Jahre, diese aufzuarbeiten. Und wenn man noch bedenkt, dann gibt es noch Probleme aus so vielen verschiedenen anderen Inkarnationen. Also eine gewisse Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana, dann kommt die Unterscheidungskraft und damit können wir auch alle Begrenztheiten transzendieren.

Was ist Wahrheit? Was ist das Selbst?

Ich hatte heute Morgen über die Unwirklichkeit der Welt gesprochen, von verschiedenen Gesichtspunkten her. Und es gibt eine Menge von Vergleichen, die uns zeigen, dass diese Welt unwirklich ist. Ich will da noch ein paar klassische Analogien gebrauchen und danach ein paar Worte sagen, „Was ist überhaupt die Welt?“ Und dann gehen wir noch durch einige weitere Verse des Viveka-Chudamani, wo Sankara ganz besonders klar uns macht, „Was ist Wahrheit? Was ist Selbst?“ und auch immer wieder natürlich, was das Selbst nicht ist. Wobei ich jetzt so ein paar Verse herausgeschrieben habe und ich will ein bisschen mehr auf die Verse eingehen, die beschreiben, wer man wirklich ist und was wirklich Wahrheit ist, denn über das, was wir nicht sind und das, was die Welt nicht ist, da habe ich relativ ausführlich gesprochen, vielleicht in etwas modernerer Ausdrucksweise als Sankara. Allerdings, wenn er über das Selbst spricht, da gibt es weder modern noch alt, denn das Selbst ist immer gleich geblieben. Unsere Erfahrung der Welt ist auf der einen Seite gleich, aber auf der anderen Seite auch unterschiedlich. Die Hungersnöte, die zu Sankaras Zeit allgegenwärtig waren, die Schlangenbisse, die allgegenwärtig waren, die Skorpionbisse und die Seuchen und Trockenheiten und Überschwemmungen und auch letztlich Kriege, die zu seiner Zeit in Indien in den Regionen, wo Sankara gelebt hat, immer wieder waren, die es auch heute auf der Erde gibt, aber das ist für uns hier, in unserer Insel der Seligen, nicht so ganz gegenwärtig. Deshalb gebraucht Sankara oft diese Beispiele, die seine Mitmenschen drastisch vor Augen gehabt haben. Auch, wie unsicher diese Welt ist und wie leidvoll die Welt sein kann.

Vedanta im Alltag

Wir kommen zum letzten Teil dieses Seminars, dieser Weiterbildung, der Beschäftigung mit dem Viveka-Chudamani und da ist es noch mal besonders wichtig, dass ihr euch vergegenwärtigt, dass das Studium dieser Schrift und die Behandlung mit diesen großartigen Weisheiten etwas Wichtiges ist. Es mag zwischendurch etwas theoretisch klingen und man mag überlegen manchmal, „Was hat das mit meinem praktischen Leben zu tun?“, aber es hat sehr viel mit dem praktischen Leben zu tun, es hat sehr viel mit dem Alltag zu tun, es hilft uns nämlich, das zu erkennen, was tatsächlich wichtig ist. Auf gewisse Weise ist Jnana Yoga nicht der Aufregendste alle Wege. Es gibt keine Farben der Chakras, es gibt nicht ständig irgendwas Neues und angenommen, ich hätte euch jetzt während dieser Woche mit Sanskrit-Worten bombardiert und euch alles über Jahad Lakshana, Jahad-Ajahad Lakshana und Bhagatyaga Lakshana und die 22 Nyayas und noch mal alle Wiederholungen aller 5 Koshas, wäre sehr theoretisch gewesen. Obgleich ich das vielleicht auch irgendwann mal mache. Aber nicht umsonst habe ich am Anfang relativ viel interpretiert über dieses Mumukshutwa und das gilt es sich wieder bewusst zu machen. Mumukshutwa, der intensive Wunsch nach Befreiung. Manchmal kommen dann natürlich auch verschiedene Prüfungen auf dem Weg. Am Anfang sagt man, „Ja, ich will die Befreiung erreichen.“, aber wehe, es gab nicht genügend Kartoffeln. „Ich bin eins mit dem Unendlichen. Ich bin nicht dieser Körper, nicht diese Gedanken.“ aber wehe, jemand hat mich schräg angeschaut. Man kann ruhig sich ärgern, man kann ruhig schlechter Laune sein, alles o.k. Vom Jnana-Yoga-Standpunkt aus ist das letztlich unerheblich. Auch – erinnert euch – es gibt die Shatsampat 1. Grades und 2. Grades. 1. Grades wäre diese Gleichmut, man wird gar nicht mehr berührt davon. Shatsampat höheren Grades oder einfacheren Grades, könnte man auch sagen, ist, man hat ruhig auch Emotionen, aber man identifiziert sich nicht damit. Denn letztlich sind auch die Emotionen nicht unsere eigenen Emotionen, die laufen irgendwo ab. Geärgert haben sich schon so viele andere Menschen. Glaubt ihr das? Oder glaubt ihr, dass euer persönlicher Ärger der einzige ist in diesem Universum? Mindestens ist er der schlimmste oder der besonderste, oder? Oder, dass euer Wunsch nach irgend etwas so besonders ist? Letztlich laufen kosmische Geschehen in jedem einzelnen ab. Das ist so ähnlich, angenommen, ihr fahrt mit dem Zug von hier nach Kassel-Wilhelmshöhe und dann schaut man dort raus und man sieht, wie wunderschön die Landschaft ist und aus jedem Fenster guckt jemand anderes raus und sieht die gleiche Landschaft. Ist das jetzt meine persönliche Erfahrung? Wie viel Millionen Fahrgäste haben schon die schöne Landschaft dort gesehen. Letztlich läuft Erfahrung ab, aber wir sind nicht diese Erfahrung. Und wenn ihr jetzt die Intensität von Mumukshutwa und die Intensität des Wunsches, die Wahrheit zu erfahren, weiter steigert, dann kann es noch die nächsten Tage besonders tief werden und kann besonders viel bedeuten.

Die vier Vivekas im Vedanta Jnana Yoga

Also noch mal zusammenfassend die vier wichtigen Vivekas. Unterscheidung zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen. Das ist vielleicht die schwierigste und die betont Sankara hier zunächst mal als erstes. Aber die zweite, vielleicht noch wichtigere, die Unterscheidung zwischen dem Ewigen und dem Vergänglichen, die Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst, die Unterscheidung zwischen Vergnügen und wahrer Wonne. Letztlich sind alle Unterscheidungen verschiedene Unterscheidungen des Gleichen. Ewig und vergänglich, Ananda und Sukha, Selbst und Nicht-Selbst, ist ja letztlich alles das Gleiche. Das, was ewig ist, ist das Selbst, ist das, was Ananda ist und das ist die Wahrheit. Also, im Grunde genommen sind es eigentlich vier Weisen, wie man die gleiche Sache unterscheiden kann. Und ihr könnt das selbst überlegen, was euch am meisten liegt. Glücklicherweise muss man nicht alle vier machen. Und es gibt manche Menschen, die irgendwo einen Zugang besser zu einem haben, aber zu dem anderen haben sie keinen Zugang. Da wäre mein Tipp, entwickelt vor allem diese Viveka, zu der ihr am leichtesten Zugang habt, denn es bleibt, wie du eben gesagt hast, das Ewige ist letztlich das Wirkliche, ist Ananda und ist das Selbst. Manchen liegt eine Unterscheidung besonders zu machen und andere nutzen verschiedene Formen der Unterscheidung je nach Lebensumständen.
Wir sind jetzt beim 21. Vers von über 500. Aber ich meine, es ist gut, sich an diesen Teilen etwas aufzuhalten, wir werden dann nachher irgendwann ein bisschen beschleunigen und letztlich gilt es, dass ihr die Viveka-Chudamani auch dann selbst lest und nutzt. Aber wenn ihr diese Grundlagen habt, fällt der Rest leicht. Auf einer gewissen Weise kann man ja auch sagen, ihr habt ja auch schon alle Grundlagen. Vermutlich habe ich euch bis jetzt nichts Neues erzählt. Das ist der Nachteil beim Jnana Yoga. Eigentlich heißt es, „In drei Sätzen sei es verkündet, was man in Tausend Büchern findet, Brahman ist wirklich, die Welt ist Schein, das Selbst ist nichts als Brahman allein.“ Alles andere ist Zugabe. Aber um in der Viveka sich zu vertiefen, dazu ist es notwendig, von allen möglichen anderen Gesichtspunkten, das immer wieder zu hören.

Vertrauen ist auch im Jnana Yoga wichtig

„Shraddha ist das Festhalten an der Überzeugung von der Wahrheit der heiligen Schrift und der Worte des Meisters. Dadurch erkennt man die Wahrheit.“ (Viveka Chudamani 25. Vers)
Also, Shraddha ist ein Vertrauen. Hier bringt er dieses Shraddha in einem konkreten Kontext, nämlich Vertrauen in die Schriften. Shraddha wird auch als Glaube bezeichnet. Und Shraddha hat eben tatsächlich diese vielen Bedeutungen. Ich hatte euch ja vorher eine andere Bedeutung beschrieben. Im Bhakti Yoga ist Shraddha auch der Glaube an Gott, der ja z.B. im Christentum eine ganz besondere Rolle spielt, da ist der Glaube mit das Wichtigste, mindestens im evangelischen Christentum. Da wird immer wieder gesprochen von, der christliche Glaube oder der Glaube und wo es dann auch heißt, „Sola fide, allein durch den Glauben werden wir uns der Gnade Gottes bewusst und so kommen wir dann zur Erlösung.“ Also dieser Glaube spielt dort über alle Maßen eine Rolle. Gut, hier ist er einer der sechs Shatsampats und vielleicht für einen westlichen Aspiranten ist dieser bedingungslose Glauben an die Schriften nicht ganz so einfach nachzuvollziehen. Wir sind ja noch dazu ein bisschen historisch vorgebildet und manche von euch sogar indologisch vorgebildet und ähnlich auch, wie es vielleicht manchen von euch mit dem Christentum gegangen ist, mir ist das so gegangen, irgendwo als Teenager, sowohl im Religionsunterricht, als auch im Konfirmandenunterricht haben wir die Bibel von historischen Gesichtspunkten uns angeschaut: Wann ist welcher Teil in die Bibel hineingekommen? Wo widerspricht sich was? Und dann gab es sogar so ein Buch, das hat in vier verschiedene Zeilen die widersprüchlichen Aussagen der Evangelien über die gleiche Gegebenheit nebeneinander gesetzt. Also, wer bis dahin an die Bibel geglaubt hat, hat spätestens dann nicht mehr daran geglaubt. Mindestens mir ist der christliche Glaube in meinem Religions- und Konfirmandenunterricht gründlich ausgetrieben worden. Denn es hat dann noch etwas gefehlt und ich meine, man kann das gut miteinander verbinden. Eben zum einen, natürlich, in Indien gibt es die Ausdrücke Shruti und Smriti. Im engeren Sinne sind Shrutis die Veden und die Smritis sind die Gesetzestexte. Im weiteren Sinne ist Shruti die ewige Wahrheit und Smriti sind die sozioökonomisch kulturellen Umstände. Auch wenn wir die Bhagavad Gita lesen, es gibt ein paar Verse da drin, da kann man nur sagen, wie kann irgendjemand so was schreiben? Die überlesen wir typischerweise in der 4-Wochen-Ausbildung, aber in der 9-tägigen-Bhagavad-Gita-Weiterbildung verheimliche ich die nicht. Also, es gibt da einiges, das ist aus dem damaligen kulturellen Gesichtspunkten verständlich und die Bibel ist dort auch voll davon. Irgendjemand hat ja mal beantragt, die Bibel auf den Index der jugendgefährdenden Schriften und der Volksverhetzenden Schriften zu setzen und hat dort eine ganze Menge von Beispielen gebracht. Und realistisch müsste man sagen, angenommen, es würde eine heutige Religionsgemeinschaft gegründet werden und würde diese Verse der Bibel in ihre neue Schrift dort reinsetzen, die würden ganz sicher vom Verfassungsschutz beobachtet und ziemlich sicher verboten werden. An irgendeiner Stelle sagt Jesus auch, „Ich bin nicht gekommen, um Frieden in die Welt zu bringen, sondern ich will Streit bringen zwischen Ehemann und Ehefrau, zwischen Vater und Mutter, zwischen Freund und Freundin.“ Steht drin. Habt ihr wahrscheinlich nicht gehört. Oder manches, was im Alten Testament dort drin steht, ist himmelschreiend brutal und sexistisch und wie auch immer man da sonst noch sagen will. Aber die Mahabharata ist nicht besser, vermutlich ist sie noch schlimmer. Weshalb es besser ist, man liest es in der modernen Zusammenfassung, da lassen die spirituellen Autoren diese Dinge aus. Ich kann mich mal erinnern, der Chandra hat in früheren Zeiten, hatte beim ersten Mal, wo er bei uns ein Weiterbildungsseminar gegeben hat… Er hat ja früher an einer Uni unterrichtet. Und natürlich, die Studenten hält man gut bei der Stange, indem man bestimmte, fast pornographische und sonstige Sachen aus der Mahabharata irgendwo zitiert. Aber ich habe ihn dann gebeten, das nicht zu machen. Also, Shraddha kann man trotzdem haben, obgleich ich euch jetzt vielleicht schockiere, ich habe trotzdem großes Shraddha in die Wahrheit der Schriften. Aber ich weiß eben, nicht alles ist wörtlich zu nehmen. Und in Indien ist keiner auf die Idee gekommen, alles wörtlich zu nehmen. Selbst Sankara, in manchen Kommentaren zur Bhagavad Gita, interpretiert er es letztlich irgendwie weg. Also man weiß, die Essenz ist da, höchste Wahrheit ist da und die Schriften können uns anleiten, zu der höchsten Wahrheit zu kommen. Und in der Bhagavad Gita und in den Upanishaden und im Brahma Sutra steht die Wahrheit drin, sind die Empfehlungen, wie kommen wir hin. Nur es gibt auch Verse darin, die aus der Zeit erklärbar sind und die heute anders interpretiert werden müssen. Und mein heutiges Verständnis von der Bibel ist, irgendwie gerade jetzt im Neuen Testament, das ist göttlich inspiriert. Es war letztlich eine Vorbeugung gegen eine wörtliche Auslegung der Bibel. Ich kann nicht verstehen, wie es Menschen gibt, die sagen, man muss ein wörtliches Verständnis für die Bibel haben. Denn, mit welchem Teil der Bibel? Es fängt mit der Schöpfungsgeschichte an. Das finde ich, ist genial. In der Genesis stehen zwei verschiedene Schöpfungsgeschichten direkt hintereinander. In der einen heißt es, Gott hat erst die Erde geschaffen und dann die Pflanzen und dann die Tiere und dann den Mensch. Ein oder zwei Kapitel weiter steht, erst den Menschen und dann die Pflanzen und die Tiere und alles andere. Also da gab es erstmal den Menschen im luftleeren Raum und dann hat Gott alles andere geschaffen. Kann man nicht genialer ausdrücken, um zu sagen, „Versucht nicht, das wörtlich zu nehmen.“ Also, wer es wörtlich nimmt, ich weiß gar nicht, wie geht das überhaupt? Man kann nur Dreiviertel der Bibel weglassen, aber das ist ja nicht, die Bibel wörtlich zu nehmen. Daher, Glauben in die Schriften heißt nicht, ein wortgetreuer Glaube. Und bei indischen Schriften ist das sowieso klar. Die Bibel hat ja nur wie viel Seiten? 1000, 2000? Also, ich weiß so dick ist die, die ich bei mir habe. Wir haben hier auch irgendwo das Neue Testament. Je nach Schriftgrößer wird es zwischen 1000 und 1500 Seiten haben. Die Mahabharata allein ist länger als die Bibel und dann die Ramayana ist genauso lang. Die Veden sind zehnmal so groß. Und dann noch die Smritis und die Puranas, das ist ein riesen Bücherregal. Dennoch, es gilt, aus diesen Schriften heraus, dort finden wir die Wahrheit, denn die Wahrheit ist nichts Neues, die höchste Wahrheit wurde immer wieder beschrieben. In unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Gegenden, von unterschiedlichen Lehrern, auf unterschiedliche Weise interpretiert, der Wege sind viele, aber Wahrheit ist eins. Namen sind viele, aber Wahrheit ist eins.
Ebenso sagt er hier, „Vertrauen in die Worte des Meisters.“ Natürlich, zu allererst muss man prüfen, ist der Meister überhaupt ein sattviger Meister. Es gibt genügend Scheinheilige, die durch die Welt gehen. Da werde ich jetzt nicht viel darüber erzählen. In der Yogalehrerausbildung hat ihr etwas darüber gehört oder wenn ihr die Raja-Yoga-Weiterbildung macht, dort wird typischerweise etwas mehr darauf eingegangen. Was sind die Charakteristika eines sattvigen Meisters? Wie kann man ihn von rajasigen und tamasigen unterscheiden? Dann, wenn man mal einen Meister angenommen hat, dann gilt es auch, ihm mit Vertrauen zu dienen und in seine Worte Vertrauen zu haben und letztlich das zu tun, was er einem sagt.

Erkenntnis führt zur Befreiung – die Essenz des Jnana Yoga

„Man sollte die heiligen Schriften rezitieren, den Göttern opfern, Rituale feiern, den Gottheiten huldigen. Doch ohne Erkenntnis der Einheit von Seele und absoluter Wirklichkeit, gibt es auch in Hunderten von Zeitaltern keine Erlösung.“
Hier sagt er also, das sind jetzt so die im alten Indien üblichen Dinge für jemanden, der irgendwo ein spiritueller Mensch war. Also, man rezitiert die heiligen Schriften. Man macht Opferrituale. Hier gibt es am Ende die Verse auf Sanskrit. Leider am Ende, so kann ich nicht immer ständig direkt gucken, was da eigentlich steht. Also Yajnas, also Feuerzeremonien kann man machen. Dann Kurvani Karmani und Bhajantudevata. Kurvani Karmani hat zwei verschiedene Bedeutungen. Man kann sagen, es ist Rituale feiern, aber es heißt auch Karmani, das kann man auch interpretieren, anderen zu helfen, Karma Yoga machen. Und dann schließlich auch noch Pujas ausführen, sich vor Gott verneigen. Also man kann auch sagen, rituelle Handlungen machen, religiöse Handlungen machen, anderen helfen und dienen, das ist alles gut, sagt er hier. Nur wir sollten uns nicht darauf allein beschränken, denn ohne Erkenntnis der Wahrheit kommt keine Erlösung.
Dann gibt es einen weiteren Vers:
„Es gibt keine Hoffnung auf Unsterblichkeit mit Hilfe von Macht und Ruhm, verkündet die heilige Schrift.“
Es gibt dort auch einen Vers aus einer Upanishade, die manche von euch im Kontext der Geschichte von Chudula und Shikidwaja gehört haben, die oft am Ende von Pujas rezitiert wird. „Om na karmana na prajaya dhanena tyagenaike amritatwa manusuh.“ Das heißt, „Nicht durch irgendwelche Werke, nicht durch irgendwelche Praktiken, nicht durch irgendwelche Rituale und auch nicht durch das Rezitieren von Schriften wird die Verwirklichung erreicht.“ Das wird klassischerweise rezitiert am Ende von einer Puja, am Ende der Rezitation von Schriften, die in der Puja drin sind. Dort erinnert man sich, nicht das Ritual selbst gibt die Erlösung. Noch nicht mal die Kraft der Mantras an sich gibt die Erlösung. All das ist etwas, was natürlich reinigend ist, all das ist etwas, was das Herz öffnet, aber letztlich geht es darum, die höchste Wahrheit zu erfahren. Natürlich noch weniger erreicht man Unsterblichkeit mit Hilfe von Macht und Reichtum. Das klingt für euch alle ganz selbstverständlich. Aber warum wollen Menschen erstmal Hunderttausende von Euros, dann Millionen von Euros, wenn man Millionen hat, dann wollen die Leute Dutzende und dann Hunderte und dann wollen sie eine Milliarde, dann Milliarden. Und wie heißt eigentlich jetzt der reichste Mann der Welt? Ist es noch oder wieder Bill Gates? Zwischendurch war es jemand anderes. Also irgendwo die letzten Jahre wurde Bill Gates mehrmals überholt. Einmal vom Besitzer von IKEA und einmal von diesem Mexikaner. In Mexiko gibt es dort irgendeinen, ich glaube, Immobilienhai, würde man ihn hier nennen und Firmenheuschrecke. Also, der nicht selbst Firmen aufgebaut hat, sondern irgendwo Firmen übernimmt und irgendwelche Manager einsetzt und dann steigern die den Wert und dann verkauft er sie wieder. Gut, also vorübergehend mal der eine und mal der andere. Warum machen Menschen das? Es gibt viele Gründe und ich weiß jetzt nicht warum. Der Bill Gates ist ja jetzt auch derjenige, der die größten Spenden macht und viel Gutes auch bewirkt und da wird vielleicht auch eine gemischte Motivation drin sein, aber auch gemischte Motivationen sind gut, wenn damit Gutes bewirkt wird. Sicherlich, er will auch was Gutes tun und zum anderen will er nicht, dass seine Kinder alle dekadent werden. Irgendwie, mehr als 10 Millionen soll keiner kriegen. Ich glaube, damit kann man auch dekadent werden. Und vielleicht auch, er will damit unsterblich werden. Die Bill und Melinda Gates Foundation. Und da hofft er, dass die noch lange übersteht. Oder der Nobel hat ja den Nobelpreis gegründet und hofft auch auf Unsterblichkeit. Der Name, aber er selbst ist nicht mehr da. Mindestens nicht im physischen Körper. Letztlich, auch mit Ruhm und mit Reichtum erreichen wir nicht die Unsterblichkeit. Auch wenn der Name ein bisschen länger ist, die Seele hat davon gar nichts. Also, wir bekommen nicht über Macht und Reichtum die Unsterblichkeit. Und Werke können auch nicht die Ursache der Erlösung sein. Das ist auch interessant. Das ist ja so eine ähnliche Diskussion, wie sie zwischen Luther war und damals vorherrschender katholischer Doktrin. Da gab es nämlich die so genannte Werkgerechtigkeit. Vielleicht habt ihr schon mal gehört, es gab den Streit der Rechtfertigungslehre. Habt ihr davon schon mal gehört? Die meisten wissen es nicht. Es ist nämlich was anderes, als wenn wir uns rechtfertigen. Die Gerechtigkeit Gottes, wenn dort in der Bibel so übersetzt wird, ist damit auch nicht gemeint die Justizia, wo es gerecht ist, sondern die Gerechtigkeit, wenn Jesus sagt, „Strebe zuerst nach der Gerechtigkeit Gottes, dann wird euch alles andere selbst zufallen.“ dann ist Gerechtigkeit die Selbstverwirklichung. Die Rechtfertigungslehre heißt, wie kann der Mensch Erlösung erreichen? Und da gab es früher eben diesen großen Unterschied. Die Katholiken haben gemeint, wenn man ausreichend gute Werke tut, dann kommt man in den Himmel. Und Luther hat gesagt, so geht es nicht. Man kommt in den Himmel sola gratia, allein durch die Gnade. Und wie kommen wir dorthin? Sola fide, allein durch den Glauben. Und wie kriegen wir den Glauben? Sola scriptura, allein durch die Schrift. Aber nichts, was wir tun, wird uns an sich die Erlösung bringen, sondern die Erlösung kommt durch einen Gnadenakt Gottes. Und für Jahrhunderte haben die Katholiken und die Protestanten sich unter anderem deswegen die Köpfe eingeschlagen. Steht allerdings auch nirgendwo in der Bibel, dass man durch das Töten von Andersgläubigen in den Himmel kommt. Aber das wurde durchaus den Soldaten in Aussicht gestellt. Wenn der Gustaf Adolf in die Schlacht gezogen ist, hat er gesagt, „Ihr kommt alle in den Himmel, wenn ihr in der Schlacht getötet werdet.“ und umgekehrt, die Soldaten von Wallenstein, die hatten dann auch ihre Priester, die ihren Soldaten das Gleiche erzählt haben. Aber eben diese grundlegende Sache, wie kommen wir hin? Wenn wir genügend Asanas üben, erreichen wir dann die Selbstverwirklichung? Genügend Pranayama? Genügend lange die Luft anhalten? Ich bin jetzt durchaus jemand, der gerne praktiziert und ich bin auch einer, der durchaus sehr intensiv praktiziert hatte und wenn ich sage intensiv, dann meine ich auch intensiv und das ist nicht eine Stunde Pranayama oder zwei oder drei. Also, diese Praktiken an sich können einen nicht zur Verwirklichung führen. Auch nicht, wenn man sein ganzes Geld als Spenden gibt. Auch nicht, wenn man 18 Stunden Karma Yoga am Tag übt. All das hilft, wie auch der Sankaracharya vorher davon erzählt hat. All das hilft. Es hilft, unser Herz zu öffnen. Es hilft, das Prana zu erhöhen. Es hilft, uns zu reinigen. Es hilft, unseren Geist vorzubereiten. Aber die Werke an sich sind nicht Ursache der Erlösung, das wäre einfach. Angenommen, ich könnte euch sagen, ihr braucht nur jeden Tag 12 Stunden Pranayama zu machen und das über 6 Monate und dann werdet ihr die Selbstverwirklichung erreichen, da würde man das doch machen, oder? Ich könnt dann vielleicht auch sagen, „Ich habe das schon zehnmal gemacht mit Menschen, jeweils eine Gruppe von zwanzig, die haben alle die Selbstverwirklichung erreicht und das seht ihr auch daran, sie sind immer glücklich und zufrieden, sie sind voller Energie und – schaut sie euch an – voller Ausstrahlung.“ Dann sagt man, o.k., wenn das für die klappt, dann macht man das und wenn man durch die Hölle durchgehen muss, auch o.k. Wenn man in einem halben Jahr die Selbstverwirklichung erreichen kann oder in zwei Jahren, wäre man doch bereit, alles dafür zu tun. Menschen sind ja auch bereit, jeden Tag 12 Stunden zu lernen, nur um die Medizinprüfung zu bestehen. Nur um euch das in Perspektive zu setzen. Manchmal gibt es nämlich Leute, die sagen, „Warum soll man so intensiv praktizieren? Ist das nicht verrückt, jeden Tag viel zu praktizieren?“ Das sind die gleichen Menschen, die keine Hemmungen haben, nur um einen Job zu kriegen, wahnsinnig viel zu lernen. Weder das eine noch das andere ist schlecht. Es ist sicherlich gut, viel Pranayama zu üben. Nur darf man nicht denken, dass das Üben von Pranayama allein einen zur Verwirklichung bringt. Es hilft, aber es sind nicht die Werke an sich und deshalb kann man auch nicht sagen, wie viele Stunden Pranayama muss man machen, um die Verwirklichung zu erreichen? Wie viele Stunden muss man meditieren, um die Verwirklichung zu erreichen? Also, es ist etwas komplizierter.
Da ist praktisch die Einleitung erstmal vorbei und jetzt beschreibt er, was sollte man tun? Vorher hat er uns praktisch gesagt, „Was ist wertvoll auf dieser Welt?“, um uns in die richtige Perspektive zu bringen. Dann hat er gesagt, „Was ist ungeeignet dorthin zu kommen?“