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Vertrauen ist auch im Jnana Yoga wichtig

„Shraddha ist das Festhalten an der Überzeugung von der Wahrheit der heiligen Schrift und der Worte des Meisters. Dadurch erkennt man die Wahrheit.“ (Viveka Chudamani 25. Vers)
Also, Shraddha ist ein Vertrauen. Hier bringt er dieses Shraddha in einem konkreten Kontext, nämlich Vertrauen in die Schriften. Shraddha wird auch als Glaube bezeichnet. Und Shraddha hat eben tatsächlich diese vielen Bedeutungen. Ich hatte euch ja vorher eine andere Bedeutung beschrieben. Im Bhakti Yoga ist Shraddha auch der Glaube an Gott, der ja z.B. im Christentum eine ganz besondere Rolle spielt, da ist der Glaube mit das Wichtigste, mindestens im evangelischen Christentum. Da wird immer wieder gesprochen von, der christliche Glaube oder der Glaube und wo es dann auch heißt, „Sola fide, allein durch den Glauben werden wir uns der Gnade Gottes bewusst und so kommen wir dann zur Erlösung.“ Also dieser Glaube spielt dort über alle Maßen eine Rolle. Gut, hier ist er einer der sechs Shatsampats und vielleicht für einen westlichen Aspiranten ist dieser bedingungslose Glauben an die Schriften nicht ganz so einfach nachzuvollziehen. Wir sind ja noch dazu ein bisschen historisch vorgebildet und manche von euch sogar indologisch vorgebildet und ähnlich auch, wie es vielleicht manchen von euch mit dem Christentum gegangen ist, mir ist das so gegangen, irgendwo als Teenager, sowohl im Religionsunterricht, als auch im Konfirmandenunterricht haben wir die Bibel von historischen Gesichtspunkten uns angeschaut: Wann ist welcher Teil in die Bibel hineingekommen? Wo widerspricht sich was? Und dann gab es sogar so ein Buch, das hat in vier verschiedene Zeilen die widersprüchlichen Aussagen der Evangelien über die gleiche Gegebenheit nebeneinander gesetzt. Also, wer bis dahin an die Bibel geglaubt hat, hat spätestens dann nicht mehr daran geglaubt. Mindestens mir ist der christliche Glaube in meinem Religions- und Konfirmandenunterricht gründlich ausgetrieben worden. Denn es hat dann noch etwas gefehlt und ich meine, man kann das gut miteinander verbinden. Eben zum einen, natürlich, in Indien gibt es die Ausdrücke Shruti und Smriti. Im engeren Sinne sind Shrutis die Veden und die Smritis sind die Gesetzestexte. Im weiteren Sinne ist Shruti die ewige Wahrheit und Smriti sind die sozioökonomisch kulturellen Umstände. Auch wenn wir die Bhagavad Gita lesen, es gibt ein paar Verse da drin, da kann man nur sagen, wie kann irgendjemand so was schreiben? Die überlesen wir typischerweise in der 4-Wochen-Ausbildung, aber in der 9-tägigen-Bhagavad-Gita-Weiterbildung verheimliche ich die nicht. Also, es gibt da einiges, das ist aus dem damaligen kulturellen Gesichtspunkten verständlich und die Bibel ist dort auch voll davon. Irgendjemand hat ja mal beantragt, die Bibel auf den Index der jugendgefährdenden Schriften und der Volksverhetzenden Schriften zu setzen und hat dort eine ganze Menge von Beispielen gebracht. Und realistisch müsste man sagen, angenommen, es würde eine heutige Religionsgemeinschaft gegründet werden und würde diese Verse der Bibel in ihre neue Schrift dort reinsetzen, die würden ganz sicher vom Verfassungsschutz beobachtet und ziemlich sicher verboten werden. An irgendeiner Stelle sagt Jesus auch, „Ich bin nicht gekommen, um Frieden in die Welt zu bringen, sondern ich will Streit bringen zwischen Ehemann und Ehefrau, zwischen Vater und Mutter, zwischen Freund und Freundin.“ Steht drin. Habt ihr wahrscheinlich nicht gehört. Oder manches, was im Alten Testament dort drin steht, ist himmelschreiend brutal und sexistisch und wie auch immer man da sonst noch sagen will. Aber die Mahabharata ist nicht besser, vermutlich ist sie noch schlimmer. Weshalb es besser ist, man liest es in der modernen Zusammenfassung, da lassen die spirituellen Autoren diese Dinge aus. Ich kann mich mal erinnern, der Chandra hat in früheren Zeiten, hatte beim ersten Mal, wo er bei uns ein Weiterbildungsseminar gegeben hat… Er hat ja früher an einer Uni unterrichtet. Und natürlich, die Studenten hält man gut bei der Stange, indem man bestimmte, fast pornographische und sonstige Sachen aus der Mahabharata irgendwo zitiert. Aber ich habe ihn dann gebeten, das nicht zu machen. Also, Shraddha kann man trotzdem haben, obgleich ich euch jetzt vielleicht schockiere, ich habe trotzdem großes Shraddha in die Wahrheit der Schriften. Aber ich weiß eben, nicht alles ist wörtlich zu nehmen. Und in Indien ist keiner auf die Idee gekommen, alles wörtlich zu nehmen. Selbst Sankara, in manchen Kommentaren zur Bhagavad Gita, interpretiert er es letztlich irgendwie weg. Also man weiß, die Essenz ist da, höchste Wahrheit ist da und die Schriften können uns anleiten, zu der höchsten Wahrheit zu kommen. Und in der Bhagavad Gita und in den Upanishaden und im Brahma Sutra steht die Wahrheit drin, sind die Empfehlungen, wie kommen wir hin. Nur es gibt auch Verse darin, die aus der Zeit erklärbar sind und die heute anders interpretiert werden müssen. Und mein heutiges Verständnis von der Bibel ist, irgendwie gerade jetzt im Neuen Testament, das ist göttlich inspiriert. Es war letztlich eine Vorbeugung gegen eine wörtliche Auslegung der Bibel. Ich kann nicht verstehen, wie es Menschen gibt, die sagen, man muss ein wörtliches Verständnis für die Bibel haben. Denn, mit welchem Teil der Bibel? Es fängt mit der Schöpfungsgeschichte an. Das finde ich, ist genial. In der Genesis stehen zwei verschiedene Schöpfungsgeschichten direkt hintereinander. In der einen heißt es, Gott hat erst die Erde geschaffen und dann die Pflanzen und dann die Tiere und dann den Mensch. Ein oder zwei Kapitel weiter steht, erst den Menschen und dann die Pflanzen und die Tiere und alles andere. Also da gab es erstmal den Menschen im luftleeren Raum und dann hat Gott alles andere geschaffen. Kann man nicht genialer ausdrücken, um zu sagen, „Versucht nicht, das wörtlich zu nehmen.“ Also, wer es wörtlich nimmt, ich weiß gar nicht, wie geht das überhaupt? Man kann nur Dreiviertel der Bibel weglassen, aber das ist ja nicht, die Bibel wörtlich zu nehmen. Daher, Glauben in die Schriften heißt nicht, ein wortgetreuer Glaube. Und bei indischen Schriften ist das sowieso klar. Die Bibel hat ja nur wie viel Seiten? 1000, 2000? Also, ich weiß so dick ist die, die ich bei mir habe. Wir haben hier auch irgendwo das Neue Testament. Je nach Schriftgrößer wird es zwischen 1000 und 1500 Seiten haben. Die Mahabharata allein ist länger als die Bibel und dann die Ramayana ist genauso lang. Die Veden sind zehnmal so groß. Und dann noch die Smritis und die Puranas, das ist ein riesen Bücherregal. Dennoch, es gilt, aus diesen Schriften heraus, dort finden wir die Wahrheit, denn die Wahrheit ist nichts Neues, die höchste Wahrheit wurde immer wieder beschrieben. In unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Gegenden, von unterschiedlichen Lehrern, auf unterschiedliche Weise interpretiert, der Wege sind viele, aber Wahrheit ist eins. Namen sind viele, aber Wahrheit ist eins.
Ebenso sagt er hier, „Vertrauen in die Worte des Meisters.“ Natürlich, zu allererst muss man prüfen, ist der Meister überhaupt ein sattviger Meister. Es gibt genügend Scheinheilige, die durch die Welt gehen. Da werde ich jetzt nicht viel darüber erzählen. In der Yogalehrerausbildung hat ihr etwas darüber gehört oder wenn ihr die Raja-Yoga-Weiterbildung macht, dort wird typischerweise etwas mehr darauf eingegangen. Was sind die Charakteristika eines sattvigen Meisters? Wie kann man ihn von rajasigen und tamasigen unterscheiden? Dann, wenn man mal einen Meister angenommen hat, dann gilt es auch, ihm mit Vertrauen zu dienen und in seine Worte Vertrauen zu haben und letztlich das zu tun, was er einem sagt.

Kindheit des Vedanta Meisters Sankara

Sankara wurde wahrscheinlich um 788 n. Chr. geboren. Es gibt eine schöne Geschichte, wie das so gekommen ist. Die Eltern von Sankara waren lange Zeit kinderlos geblieben und im früheren Indien galt das als etwas sehr Schlechtes, wenn man keine Kinder hatte, denn die Kinder waren auch die Altersabsicherung. Außerdem gehört zu einem erfüllten Leben nach der Tradition auch, dass Kinder dabei sind. So haben diese beiden sich entschieden: wir gehen auf eine Pilgerreise, üben dabei Tapas, meditieren viel und bitten dann Gott darum, uns doch noch ein Kind zu schenken. Sie zogen also von einem Tempel zum anderen und meditierten viel. Sie fasteten viel. Sie machten verschiedene Formen von Tapas und eines Nachts, als sie in einem besonderen Shiva-Tempel gewesen sind, hatten beide vom Gleichen geträumt, nämlich dass Shiva ihnen erschienen ist und ihnen gesagt hat: Ihr könnt entweder einen Sohn haben, der herausragend sein wird, aber sehr früh im Alter von acht Jahren schon sterben wird. Aber er wird Unglaubliches leisten. Oder ihr könnt einige Kinder haben, die werden alle sehr alt werden, aber alle mittelmäßig. Was hättet ihr gewählt? Ich glaube, ein relativ hoher Anteil von Menschen hätte das Mittelmaß gewählt, das glaube ich nicht nur, in der Mehrheit der Fälle wählen Menschen das Mittelmaß. Jetzt nicht für eure Kinder natürlich, aber das ist ja symbolisch. Aber die Eltern von Sankara hatten sich am nächsten Tag den Traum erzählt und fanden es interessant, dass sie beide den gleichen Traum hatten. Sie entschieden sich: Dann wollen wir es ermöglichen, dass diese ganz besondere Seele in diese Welt hinein geboren wird. Und selbst wenn er nur kurz leben wird, jemand der ganz herausragend und besonders ist, wird vielleicht in diesen acht Jahren mehr Gutes bewirken können, als jemand, der lange lebt und mittelmäßig ist. Sankara wurde dann neun oder zehn Monate später geboren und er entwickelte sich tatsächlich als jemand ganz Besonderes. Sehr früh schon lernte er Lesen und Schreiben, sehr früh schon studierte er die Schriften. Im Alter von sechs Jahren heißt es, meisterte er schon die Veden. Im Alter von sieben Jahren meisterte er schon die Smritis, die Ithihasas und die Puranas. Im Alter von acht Jahren die verschiedenen Darshanas und die Schriften diesbezüglich. Als dann diese ersten acht Jahre vorbei waren, war es schon so, dass es keinen Lehrer mehr im Dorf oder um das Städtchen herum gab, der ihm noch etwas beibringen konnte. Er war ein ganz besonderes Genie. Als diese acht Jahre vorbei waren, gab es am Abend seines Geburtstages drei alte Männer, die zu Besuch kamen. Im alten Indien galt Gastfreundschaft als etwas sehr Wichtiges. Die Männer kamen dort hin und wurden eingeladen. Hier würde wohl niemand auf die Idee kommen – man sieht drei alte Männer, die klingeln und werden dann gleich zum Abendessen eingeladen. Im alten Indien war das recht üblich. Während des Essens stellten sie Sankara alle möglichen Fragen. Über die Veden, über die Bedeutung der Smritis, über die Bhagavad Gita und über anderes. Sankara konnte alles wunderbar beantworten. Kurz vor Mitternacht gingen die Männer dann und beim Abschiedsagen drehten sie sich um und sagten: Wir sind mit eurem Sohn hoch zufrieden. Wir gewähren ihm noch weitere acht Jahre. Erst in diesem Moment wurden sich die Eltern wieder des Traumes bewusst. Den hatten sie längst vergessen. Der Schock ging ihnen durch die Glieder und gleichzeitig die Erleichterung. Bevor sie sich aber fassen konnten und diesen alten Manifestationen von Rishis danken konnten, waren sie schon verschwunden. Jetzt war es so: Sankaras Vater dachte jetzt noch: Ja, ich will ja auch zur höchsten Verwirklichung kommen, jetzt ist uns diese große Gnade geschenkt worden, dass Sankara weiter lebt. Und dann dachte er, aus Dankbarkeit dafür wird er jetzt entsagen und in die Einsamkeit gehen. So verließ er seine Familie, wurde Swami, Sannyas, Mönch und widmete seine verbliebenen Jahre der Suche nach der Wahrheit.

Hinduismus, Yoga und Vedanta

Wir sprechen wir ja auch oft vom Hinduismus, wenn wir uns auf die Religionen Indiens beziehen. Der Ausdruck Hinduismus ist allerdings ein westlicher Ausdruck, er stammt von den Griechen. Es gibt nämlich einen Fluss, der nennt sich Sindhu, den haben die Griechen in Hindus oder Indus umgewandelt und dann alle Menschen, die um den Fluss Indus und irgendwo dahinter gewohnt haben, die hießen dann die Inder. Das wäre so ähnlich, wenn die Russen alle Deutschen, Franzosen und Spanier als Rheinländer bezeichnen würden, also die, die in der Nähe des Rheins und irgendwo dahinter wohnen. Und dann haben die Griechen auch gesagt, dass die Religion von all denen auch irgendwie eine gemeinsame Religion sein muss und die nennen wir dann eben Hinduismus.