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Sankara und sein Wirken

Zur Zeit von Sankaracharya gab es alle möglichen Untergruppierungen, die sich zum Teil auch feindlich gesinnt waren – es gab die Shaivas, die wollten von den Vaishnavas nichts wissen und die Vaishnavas wollten nichts wissen von den Shaktas.

Die haben sich dann durchaus auch – nicht so wie im Westen allerdings mit Waffen – bekämpft. Die Waffenbekämpfungsgeschichte ist ja letztlich eine Erfindung des Christentums. Paradoxerweise. Die einzige Religion, zumindest von den großen Religionen, die nach Aussagen des Religionsgründers am gewaltfreiesten ist, ist in der Praxis die gewaltsamste gewesen. Der Religionskrieg ist vom Christentum erfunden worden und dann irgendwie an den Islam weitergegeben worden. Aber diese Gruppen waren sich durchaus feindlich gesinnt.

Es gab auch verschiedenste Philosophiesysteme. Sankara hat mehr oder weniger alle irgendwo zusammengefasst – es gibt verschiedene Namen und es gibt verschiedene Formen. Er hat Hymnen komponiert zur Verehrung von Krishna, die Lalita Sahasranam ist für die Göttin Devi. Er hat wunderbare Verse für Shiva geschrieben. Er hat gesagt: Letztlich sind sie alle Ausprägungen des einen unendlichen Prinzips. Die Mehrheit der Inder ist bis heute dieser Meinung, dass alles Ausdruck der gleichen universellen Wahrheit ist. Er hat auch die ganzen Bhakti-Praktiken irgendwo zusammengeführt. Er hat die Pujas systematisiert. Pujas sind natürlich Jahrtausende alt, zum Teil wurde ein unglaublicher Wust von Aberglauben im Lauf der Jahrhunderte oder Jahrtausende dazu gebastelt. Sankara hat das systematisiert und hat es zurückgeführt auf die Pujas und Homas der vedischen Zeit – mit einer Ausnahme: Sankara hat Tieropfer aus den Pujas und Homas rausgenommen.

Ihr seid euch sehr bewusst, dass Yoga etwas mit Vegetarismus und Gewaltlosigkeit und Ehrerbietung vor Tieren zu tun hat. Aber wer von euch mal die Mahabharata durchgelesen hat: so schöne Teile es dort gibt, wie die Bhagavad Gita, so dreht sich einem bei anderen Teilen der Magen um. Aber es war die damalige Zeit. Aber man kann sagen, Sankara hat letztlich das Werk von Buddha vollendet, der sich auch gegen alle Tieropfer gewendet hat und gesagt hat, man soll mehr an seinem Geist arbeiten und seine tierische Natur transformieren, statt Tiere zu opfern. Sankara hat das dann ganz konkret gesagt in den Schriften. Vorher war das gemeint als etwas Symbolisches und nicht als etwas, das man tatsächlich machen sollte.

Sankara hat das System von Pilgerreisen systematisiert. Er hat verschiedene große Tempel genannt und hat gesagt, diese sollte man besuchen. Das hat Indien irgendwo verbunden, dass die Menschen vom einen zum anderen… Dass die Weite entsteht. Er wollte auch Toleranz haben, dass Menschen von Südindien auch mal nach Nordindien kommen und dass die Menschen sehen, dass letztlich alle Menschen Geschöpfe des Gleichen und überall ähnlich sind.

Hinduismus, Yoga und Vedanta

Wir sprechen wir ja auch oft vom Hinduismus, wenn wir uns auf die Religionen Indiens beziehen. Der Ausdruck Hinduismus ist allerdings ein westlicher Ausdruck, er stammt von den Griechen. Es gibt nämlich einen Fluss, der nennt sich Sindhu, den haben die Griechen in Hindus oder Indus umgewandelt und dann alle Menschen, die um den Fluss Indus und irgendwo dahinter gewohnt haben, die hießen dann die Inder. Das wäre so ähnlich, wenn die Russen alle Deutschen, Franzosen und Spanier als Rheinländer bezeichnen würden, also die, die in der Nähe des Rheins und irgendwo dahinter wohnen. Und dann haben die Griechen auch gesagt, dass die Religion von all denen auch irgendwie eine gemeinsame Religion sein muss und die nennen wir dann eben Hinduismus.

Nur ist der Hinduismus nicht so fassbar wie andere Religionen, zum Beispiel das Christentum. Da gibt es eine Bibel, das ist ganz klar. Daneben gibt es noch ein paar Konfessionen, die ihre Glaubensbekenntnisse, Katechismen und Doktrinen haben. Es gibt bei den Katholiken Hierarchien, bei den Protestanten gibt es die Kirchentage und alles Mögliche, um herauszufinden, was ist die wahre Lehre und was ist sie nicht. Aber eigentlich ist so genau nur das Christentum organisiert. Weder der Islam ist so und das Judentum noch weniger. Im Buddhismus gibt es den Pali-Kanon, der irgendwo bestimmend ist. Im Hinduismus gibt es zwar die Veden, aber es gibt eine solche Menge an Schriften, dass es ausgesprochen schwierig zu erkennen ist, was eigentlich die Grundlage vom Hinduismus ist. Ein deutscher Religionswissenschaftler hat mal gesagt: Hinduismus ist der Sammelname für alle nicht doktrinären Religionen Indiens. Doktrinär meint solche, die nicht eine feste Glaubensdoktrin haben, an die alle glauben müssen – das sind die Sikhs, die Buddhisten, die Jains und die Parsis. Die sind alle klarer gefasst und all das, was irgendwo sehr weit gefasst ist und sehr lose, das wird dann als Hinduismus zusammengefasst.

Teil 2 der Niederschrift eines Vortrags im Rahmen eines Yogalehrer Ausbildungs-Seminars mit Sukadev Bretz bei Yoga Vidya Bad Meinberg. Thema dieses 9-tägigen Vedanta-Seminars war „Viveka Chudamani von Sankaracharya“. Erklärungen für die Sanskrit Ausdrücke findest du im Yoga Sanskrit Glossar. Dieser Blog ist nicht geeignet für Yoga Anfänger. Er ist vielmehr gedacht für Menschen, die sich in Yoga Philosophie auskennen und regelmäßig Meditation praktizieren, sich als spirituelle Aspiranten verstehen. Yoga Anfängern wird das Yoga Anfänger-Portal empfohlen.