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Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt. Jeder lebt in seinem eigenen Universum. Und vielleicht haben die Universen, die wir haben, gewisse Gemeinsamkeiten und so können wir miteinander kommunizieren. Sie haben sicherlich vieles Getrenntes voneinander und das macht es letztlich faszinierend. Es ist einer der faszinierenden Beschäftigungen, meine ich mindestens, Menschen zu verstehen in ihrem eigenen Universum. Wobei die Behauptung, Menschen zu verstehen, ist eine Anmaßung. Meint ihr, man kann einen anderen Menschen Hundertprozent verstehen? Preisfrage. Wer von euch versteht sich selbst Hundertprozent? Ich versuche seit 35 Jahren, mich zu verstehen. Ich bin mir bis heute immer wieder für eine Überraschung gut. Immer dann, wenn ich glaube, jetzt habe ich wieder einen essentiellen Bestandteil meines Denk-, Reaktions- und Fühlschemata verstanden und kann das künftig besser voraussagen, läuft es wieder anders. Wenn man sich selbst nicht verstehen kann – und es ist auch nicht nötig, sich vollständig zu verstehen. Es ist hilfreich, sich in groben Zügen zu verstehen und seine eigenen Reaktionen irgendwie einschätzen zu können, wertschätzen zu können, vielleicht nicht Sklave davon zu werden, aber letztlich auch wissen, so ganz hundertprozentige Herrschaft über unseren eigenen Geist ist weder möglich noch notwendig. Und das macht es vielleicht faszinierend. Ähnlich auch mit anderen Menschen. Es ist faszinierend mal so ein bisschen das andere Universum kennen zu lernen und da möchte ich euch durchaus ermutigen. Das hilft dem Jnana-Yoga-Verständnis, wenn man sieht, verschiedene Menschen, gleiche Situation, unterschiedliches Erleben. Angenommen z.B., ich würde euch jetzt den Nachmittag sagen, ihr habt zwar frei, aber jetzt schreibt mal vier Stunden genau, wie war die Erfahrung dieser Woche für euch. Was habt ihr wahrgenommen? Wie war es? Was waren eure emotionalen Reaktionen darauf? Wie findet ihr das Ganze? Was ist sonst noch gelaufen. Wir hätten dort festgestellt, so viele faszinierende Universen. Und man sollte sein eigenes Universum dort nicht so ernst nehmen. Swami Vishnu-devananda hat so zwei Sachen manchmal gesagt, „Don’t trust your mind.“ Und das zweite ist, „Don’t take yourself too seriously.“ Also, „Traue deinem eigenen Geist nicht.“ Das klingt jetzt vielleicht nicht ganz so positiv, aber das ist eben gemeint. Denke nicht, dass so, wie du die Welt wahrnimmst, dass sie so ist, sondern lächle darüber, „Aha, ich habe das jetzt so und so wahrgenommen. Ich denke, der Mensch meint das so und so.“ Im Grunde genommen, ein Zeichen für einen Schizophrenen ist, dass er fest der Überzeugung ist, „Das ist so und so und nicht anders und wenn andere etwas anderes behaupten, dann haben die Unrecht.“ Zeichen eines reifen Aspiranten ist, er nimmt die Welt so und so wahr, mag irgendwo hilfreich sein, die Welt so und so wahrzunehmen, er weiß, andere nehmen sie anders wahr und die haben auch ihren Grund. Natürlich, man muss dann auch handeln. Man kann jetzt nicht einfach nur verharren in dieser wunderbaren Faszination, dass jeder Mensch alles anders sieht, manchmal muss man auch Entscheidungen treffen. Also z.B., Vater von einem Teenager wird feststellen, „Mein Universum ist so, das Universum meines Sohnes ist so. Der mag seine Gründe haben, sein Universum so wahrzunehmen. Ich habe meine Gründe, mein Universum so wahrzunehmen. Ich bin der Erziehungsberechtigte. Ich werde jetzt bestimmen, wo es langgeht. Im vollen Bewusstsein, dass das, was ich da sage, im Universum meines Filius zu Schmerzen und Rebellion führen wird.“ Versteht ihr, was ich meine? So müssen wir dann irgendwie handeln und eben sagen, „Ich bin halt jetzt dein Vater und ich bestimme das in der Situation.“ Ob das immer geht, ist eine andere Sache. Ab Teenager-Alter vielleicht noch weniger. Aber manchmal, diejenigen die Teenager haben – die sehe ich mit einem besonders melancholischen Lächeln hier – die haben so etwas schon öfters versucht. Aber es ist ein Unterschied, ob man sagt, „Die Jugend von heute, keinen Benimm mehr. Zu meiner Zeit war es ganz anders. Die verbringen jetzt heute die ganze Zeit in „world of warcraft“ oder irgendwo jettend im Computer oder Anschauen von zweifelhaften Seiten. Zu meiner Zeit war das ganz anders.“ Nur, wer sich noch erinnern kann an seine Jugend, der weiß, was die Eltern damals gesagt haben. Und ihr könnt euch bewusst sein, was die Großeltern euren Eltern zu ihrer Jugend gesagt haben. Und mit die ältesten schriftlichen Zeugnisse der Menschheit sagen, früher war alles besser und die Jugend von heute taugt nichts. Es ist also beständig seit 3000 v. Chr. schlechter geworden, in der Wahrnehmung von denen, die über die Teenagerzeit hinausgegangen sind. Objektiv wissen wir, es ist nicht schlechter geworden. Die Zeit heute ist besser, als die vor 70 Jahren. Überlegt mal, was da war. Die Zeit heute ist besser, als vor 90 Jahren, wer ein bisschen Geschichtsverständnis hat. Und besser als vor 200 Jahren, behaupte ich jetzt hier in meinem geistigen Universum. Aber wenn andere anderes meinen, haben die ihr Universum. Wir leben also in verschiedenen Universen und wir können, wenn wir mit anderen Menschen zu tun haben, durchaus eben sagen, „Du wohnst in einem anderen Universum, ich kann es ein bisschen verstehen. Dennoch muss ich jetzt sagen, in dem Fall habe ich die Verantwortung und in diesem Kontext ist mein Universum das Entscheidende.“ Ich gebe euch ein anderes Beispiel. Ich bin ja hier Leiter des Ashrams und dort habe ich manchmal auch Aufgaben, die nicht nur angenehm sind. Früher habe ich z.B. auch 4-wöchige-Yogalehrerausbildungen geleitet und da gibt es ab und zu mal jemand, der hat gesagt, „Ich bin hier in der Natur und da sind so schöne Bäume. Ich finde es viel besser, als morgens dort zu sitzen und den ganzen Tag zu sitzen, dort morgens einen Spaziergang zu machen und dort mit den Vögeln zu kommunizieren und den Bach zu spüren und zur Quelle zu gehen und mich an einen Baum zu setzen. Ist doch viel besser.“ Jetzt könnte ich reagieren oder hätte reagieren können, „Die Yogaschüler von heute. Undisziplinierter Haufen. Zu meiner Zeit vor 28 Jahren war das anders. Als ich die Yogalehrerausbildung gemacht habe, um 4:00 Uhr waren da fünf bis sechs Leute schon aufgestanden. Ich habe Pranayama gemacht erstmal 2 Stunden vor 6:00 Uhr und der andere hat zwei Stunden Asanas gemacht. Der nächste hat zwei Sunden Harmonium gespielt und der nächste hat zwei Stunden meditiert. Die Jugend von heute oder die Schüler von heute, denen muss ich es jetzt zeigen und sagen,  undisziplinierter Mensch, der du bist. Uneinsichtig. Unreif.“ Dann wäre ich selbst unreif. Oder ich kann eben sagen, „Du magst ganz recht haben. Vielleicht ist es für dich schön, morgens spazieren zu gehen. Vielleicht ist es für dich schön, mit Bäumen und Blumen zu kommunizieren. Und vielleicht solltest du in Yogaferien überwechseln. Da kannst du das nämlich sehr gut machen. Du bist jetzt in einer Yogalehrerausbildung und damit gelten die Regeln der Yogalehrerausbildung. So wie die Richtlinien sind und die Richtlinien sind aus gutem Grunde so. Und die Yogalehrerausbildung ist ein eigenes Konzept und sie führt, wenn man sich daran hält, zu einer gewissen inneren Transformation, sie führt dazu, dass man klassisches Yoga in der Tradition von Swami Sivananda und Swami Vishnu-devanandadevAnanda versteht und erfährt.“ Aber deshalb, der andere, der das andere denkt, ist ja deshalb nicht schlecht. Und wenn er dann aussteigt, dann bin ich nicht böse. Ich bedauere es manchmal, denn ich habe es noch nie erfahren, dass jemand nach vier Wochen gesagt hat in der Abschlussrunde oder auch schriftlich, „Ich wünschte, ich wäre nach fünf Tagen ausgestiegen oder nach drei Tagen.“ Aber sehr häufig kommt es, dass sie dann sagen, „Nach einem oder zwei Tagen wollte ich fliehen und habe mir gedacht, wo bin ich hier hineingeraten, aber ich bin mir selbst dankbar, dass ich durchgehalten habe.“ Ich hoffe, ihr versteht, was ich damit meine. Das ist auch so eine Jnana-Yoga-Einstellung. Es gibt keine objektive Wirklichkeit und es gibt letztlich nicht objektiv richtig und objektiv falsch. Was in dem einen Kontext richtig ist, ist in einem anderen Kontext unrichtig. Auch wenn wir z.B. von Ahimsa sprechen, jetzt von der Ethik, ist auch eine Frage. Da gibt es auch wieder Kontexte, wo es richtig ist oder unrichtig. Einen Menschen umzubringen ist richtig oder nicht richtig? Grundsätzlich klar, unrichtig, ethisch falsch. Aber angenommen, dort gibt es jemanden, der hat eine Atombombe und ist auf einem Hochhaus und hat den Zünder und will ihn gerade rausnehmen. Gegenüber hat die Polizei einen Scharfschützen postiert. Ist es jetzt richtig, wenn die Polizei diesen, der gerade die Hand an diesen Zünder hat, erschießt oder ist es falsch? Ich glaube, hier wird fast jeder der Meinung sein, es ist richtig. Es wäre sogar falsch, wenn der Schütze zögern würde. Aber in einem anderen Weltanschauungskontext könnte man es wieder anders sehen. Nur in dem Weltanschauungskontext des Yogas und im Weltanschauungskontext des Rechtssystems der Bundesrepublik Deutschland, die glücklicherweise weitestgehend, mindestens in ihren Grundsätzen, identisch sind, dort gelten diese Prinzipien. Aber das heißt nicht, dass sie in jedem Kontext die richtigen wären. Dennoch, aus einem Kontext heraus muss man Entscheidungen treffen, ohne den anderen zu verurteilen. Das ist durchaus auch etwas, was wir ja in der heutigen Zeit nicht nur in Yogakreisen haben, sondern insgesamt. Menschen haben unterschiedliche Motive, die Motive haben ihre Begründung, Begründungen in der Grundstruktur des Menschen, Begründungen in Genen, Begründungen in ihrer Erziehung, Begründung in wie auch immer. Jeder Mensch hat irgendwelche nachvollziehbaren Gründe, warum er so handelt, wie er handelt, dennoch, im zwischenmenschlichen Zusammenleben ist halt manches angemessen und manches nicht angemessen. All das gehört zur Viveka von Satya und Mithya. Und wenn ihr darüber so ein bisschen nachdenkt, hoffe ich, dass ihr künftig noch mehr von euch selbst abstrahieren könnt. Never trust your mind, also, trau deinen eigenen Geist nicht. Also nicht im Sinne, alles was man denkt, dass man das gleich für wahr hält und jede Emotion, die geschieht, für angemessen hält, das ist der eine Aspekt. Never trust your mind and don‘t take yourself zu seriously, nimm dich selbst nicht zu ernst. Das, was man denkt und fühlt, ist eine Möglichkeit der Wahrnehmung. Durchaus in seinem Kontext auch eine gute, aber manchmal muss man auch nicht danach handeln. Und das ist eben auch wieder das, was der Jnana Yogi kann, auch in dieser Viveka Atma-AnAtma, er kriegt eine Wahrnehmung, die auch emotional sein kann und er sagt, „O.k., das sagen mir jetzt also meine Gedanken, das sagen mir meine Emotionen, aber ich bin das nicht. Ich habe eine gewisse Freiheit dem zu folgen oder nicht zu folgen und ich habe auch die Freiheit zu sagen, das glaube ich jetzt nicht, dass das so korrekt ist.“ Die Unterscheidung geht aber noch weiter. Also, Interpretation, Wahrnehmung, Reflexion im eigenen Universum.

Das Bild von Menschen ist subjektiv

Oder ein Beispiel, das der Swami Vishnu-devananda oft gebraucht hat, angenommen, man ist frisch verliebt, dann wird man jede Handlung seines Geliebten, seiner Geliebten toll finden und großartig. Ein paar Jahre später, gleiche Handlung, gleiche Geliebte und es ist vielleicht nicht mehr Geliebte, dann interpretiert man jede dieser Handlungen als nervend auf irgendeine Weise. Das ist auch so eine Sache. Man sagt gerne, der erste Eindruck ist so wichtig. Aber der erste Eindruck, der bestimmt, wie man nachher alle anderen Handlungen des Menschen interpretiert. Oder auch angenommen, man fühlt sich nicht gut und das Wetter ist grau, dann wird man noch trauriger werden. Angenommen, man fühlt sich nicht gut und die Sonne scheint, dann wird man sagen, „Ironie des Schicksals. Ausgerechnet heute, wo ich mich schlecht fühle, muss noch dazu die Sonne scheinen.“ Ihr kennt das alle? Und so ist ein Aspekt von der Viveka, zwischen Satya und Mithya, auch schon mal ein gewisser Abstand zu unserem Geist. Wir sind noch nicht zur essentiellen Viveka, sondern erstmal zur relativen Viveka gekommen, die ja heutzutage Menschen doch relativ – mindestens in der Theorie – vertraut ist. Aber ein Jnana Yogi, auch ein Raja Yogi, wird sich dessen im Alltag bewusst sein und eben sich bewusst sein, „Die Welt, wie ich sie wahrnehme, ist nicht die einzige.“